Gefühlte Diskriminierung ist schädlich – für Körper und Psyche von Migrantinnen und Migranten

fzm – Rund 16 Millionen Menschen haben hierzulande einen „Migrationshintergrund“. Doch so groß die Gruppe der Zugewanderten auch ist, ist wenig darüber bekannt, wie sie sich körperlich und psychisch fühlen. Epidemiologische Studien sind bislang Mangelware, kritisieren die Leipziger Sozialforscher Ulrike Igel, Elmar Brähler und Gesine Grande in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010). Wie die Wissenschaftler nun herausfanden, sind jene Migranten in einem schlechteren Gesundheitszustand, die sich von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert fühlen.

Das Gefühl, ausgegrenzt, benachteiligt oder falsch behandelt zu werden, macht krank – und zwar körperlich und psychisch. „Es konnte anhand einer repräsentativen Stichprobe erstmals für Deutschland gezeigt werden, dass die wahrgenommene Diskriminierung einen Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit von Migrantinnen und Migranten hat“, resümieren die Autoren der Studie.

Igel und ihre Kollegen werteten die im Rahmen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) erhobenen Daten von 1844 männlichen und weiblichen Migranten aus, die im Schnitt seit über zwanzig Jahren in Deutschland ansässig sind. Dabei zeigte sich: Während sozioökonomische Faktoren wie die Höhe des Einkommens, die Ausbildungsdauer oder der Erwerbsstatus keinen Einfluss auf das psychische Befinden der Migranten haben, schlägt die gefühlte Diskriminierung verhältnismäßig stark zu Buche. Wer sich diskriminiert fühlt, der leidet seelisch.

Auffallend war hierbei, dass sich Männer mit Migrationshintergrund wesentlich stärker ausgegrenzt und benachteiligt fühlen als Frauen. Möglicherweise, so eine Erklärung, tendieren Frauen eher als Männer dazu, erfahrene Benachteiligungen kleinzureden oder zu leugnen. „Eine andere Erklärung“, so Igel, „könnte darin liegen, dass Frauen seltener in Situationen gelangen, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden können, da sie häufiger erwerbslos sind.“

Betrachtet man die Migranten-Gruppen genauer, so wird deutlich, dass sich türkeistämmige Migranten stärker diskriminiert fühlen als andere Einwanderer-Gruppen. Auch fürchten sie sich in höherem Maße vor Fremdenfeindlichkeit als etwa Migranten aus Griechenland oder Osteuropa.

Die Befunde von Igel und Kollegen belegen eindrucksvoll, wie stark vermeintlich oder tatsächlich erlebte Ausgrenzung und Zurückweisung auf das Befinden von Migranten durchschlagen. Weder Geld noch beruflicher Status wirken sich auf die gesundheitliche Verfassung so sehr aus wie das Gefühl, von der Mehrheit der Gesellschaft angenommen oder abgelehnt zu werden. Diese Erkenntnis deckt sich mit Befunden aus internationalen Studien, aus denen klar hervorgeht, dass erlebte Benachteiligungen den körperlichen und psychischen Zustand von Migranten verschlechtern.

Die Gründe, warum die subjektiv erlebte Diskriminierung so sehr zur Verschlechterung der Gesundheit von Migranten beiträgt, sind bislang unklar. Um das herauszufinden, sind weitere Studien nötig.

U. Igel et al.:
Der Einfluss von Diskriminierungserfahrungen auf die Gesundheit von MigrantInnen.
Psychiatrische Praxis 2010; 37 (4): S. 183-190

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