• Männchen vor Warnschild © Avanne Troar – adobe.stock.com

    Schwellungen und Durchblutungsstörungen führen, aber auch Veränderungen der Gehirnaktivität oder des Gehirnstoffwechsels können Folgen einer Gehirnerschütterung sein. © Avanne Troar – adobe.stock.com

     

Gehirnerschütterungen bei Sportlern sicher und schnell erkennen

fzm, Stuttgart, August 2017 – Heftige Zusammenstöße sind bei Kontaktsportarten wie Fußball, Basketball oder Handball keine Seltenheit – und häufig ist dabei der Kopf der Spieler betroffen. Viel zu selten würden die Betroffenen jedoch rechtzeitig aus dem Spiel genommen, kritisiert der Stuttgarter Physiotherapeut Volker Sutor. Zum einen weil eine Gehirnerschütterung oftmals nicht erkannt werde, zum anderen seien sich die Verantwortlichen möglicher Folgen für den Spieler nicht bewusst. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017) klärt er über Folgen und das Erkennen einer Gehirnerschütterung auf.

„Eine heftige Erschütterung zieht komplexe Veränderungen im Gehirn nach sich“, erläutert er. Die auf den Kopf einwirkenden Kräfte können die Nervenzellen und ihre Ausläufer direkt schädigen und zu Schwellungen und Durchblutungsstörungen führen, sie können aber auch Veränderungen der Gehirnaktivität oder des Gehirnstoffwechsels bewirken. Jedes Trauma sei anders, die Symptome darüber hinaus recht unspezifisch. „Das macht die Diagnose schwierig und führt dazu, dass eine Gehirnerschütterung oft nicht erkannt oder bagatellisiert wird“, sagt Sutor. Therapeuten, Trainern und Betreuern die im Profi- oder Breitensport tätig sind, empfiehlt er daher, sich mit zwei Instrumenten vertraut zu machen, die die Diagnose erleichtern.

Das sogenannte „Concussion Recognition Tool“ (CRT) ist eine Zusammenstellung von äußeren Merkmalen, die es auch medizinischen Laien ermöglicht, Hinweise auf eine Gehirnerschütterung zu erkennen. Dazu zählen Bewusstseinsstörungen ebenso wie Störungen des Gleichgewichts und der Motorik, Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit oder ein leerer, ausdrucksloser Blick. Das CRT nennt zudem Symptome wie Kopfschmerzen, Nackenbeschwerden, wiederholtes Erbrechen und Krampfanfälle als Warnzeichen. Darüber hinaus empfiehlt die Handreichung, dem Spieler fünf einfache Fragen zum Spielverlauf zu stellen. Zum Beispiel „An welchem Spielort sind wir heute?“ oder „Wer hat in diesem Spiel das letzte Tor erzielt?“ Kann der Betroffene eine der Fragen nicht richtig beantworten, besteht ein Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und er sollte aus dem Spiel genommen werden.

Wesentlich ausführlicher ist das „Sport Concussion Assessment Tool“, das mittlerweile in der dritten überarbeiteten Form vorliegt und auch kurz als „SCAT 3“ bezeichnet wird. Der standardisierte Frage- und Evaluationsbogen ist für geschultes Personal gedacht und hilft dabei, den Verlauf einer Gehirnerschütterung zu beurteilen. Hierbei werden neben verbalen und motorischen Reaktionen auch etliche weitere Faktoren wie das Kurzzeitgedächtnis und die Sensibilität und die Kraft in den Extremitäten getestet.

„Wenn sich ein oder mehrere Hinweise auf eine Gehirnerschütterung finden, muss der Spieler sofort aus dem Spiel oder dem Training genommen werden“, sagt Volker Sutor. Und dann müsse das mehrstufige „Return-to-Play“-Programm greifen, das dem Sportler einen Tag der völligen Ruhe auferlegt und ihn dann über mehrere Tage hinweg langsam wieder in das Training eingliedert.

Dass die Realität oft anders aussieht, zeigt ein kürzlich veröffentlichter Bericht kanadischer Ärzte. Sie hatten die Spiele der Fußballweltmeisterschaft 2014 analysiert und festgestellt, dass im Verlauf des Turniers insgesamt 81 Spieler wegen eines Kopfzusammenstoßes zu Boden gegangen waren. Obwohl die meisten von ihnen Anzeichen für eine Gehirnerschütterung zeigten, wurden nur zwölf am Spielfeldrand untersucht – und meist kurz darauf wieder aufs Spielfeld gelassen.

V. Sutor
Unterschätzte Gefahr
physiopraxis 2017; 15 (7/8); S. 22–27