Germanwings-Katastrophe: Experten kritisieren „explizite Stigmatisierung“ psychisch Kranker in den Medien

fzm, Stuttgart, Februar 2016 – Knapp ein Jahr nachdem der Kopilot des Germanwings-Fluges 9525 den Airbus gegen einen Felsen in den französischen Alpen steuerte und 149 Menschen mit in den Tod riss, kritisieren Psychiater in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) die Berichterstattung in den deutschen Medien. Ihre Untersuchung von 251 Meldungen ergab, dass zwei Drittel als „riskante Berichterstattung“ einzustufen seien. Fast in jedem dritten Text fanden sie Hinweise auf eine „explizite Stigmatisierung“ psychisch kranker Menschen.

Als in den Tagen nach dem Unglück erste Hinweise bekannt wurden, dass der Absturz der Maschine bewusst herbeigeführt worden war, spekulierten Journalisten in deutschen Medien über mögliche psychische Erkrankungen des Kopiloten. Viele Printmedien waren sich einig, dass dies nicht die Tat eines „normalen“ Menschen gewesen sein könne. Schnell galt eine Depression oder eine andere psychische Erkrankung des Kopiloten als wahrscheinlich.

Professor Harald Dreßing und Steffen Conrad von Heydendorff vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, haben die Berichterstattung nach dem Absturz beobachtet und Beiträge aus zwölf überregionalen Printmedien analysiert.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“, „Handelsblatt“, „Der Tagesspiegel“, „BILD-Zeitung“, „die tageszeitung“, „Der Spiegel“, „Focus“, „Stern“ und „Die Zeit“ – aus diesen Medien bezogen Professor Dreßing und sein Kollege insgesamt 251 Beiträge in ihre Untersuchung ein. Die Erscheinungstermine reichten vom Absturztag am 24. März 2015 bis Ende Juni 2015.

In 161 von 251 Texten, also rund 64 Prozent, wurde die Tat nach Meinung der Experten voreilig und undifferenziert mit einer psychischen Erkrankung in Verbindung gebracht. In 99 Texten, etwa 34 Prozent, vermuteten Journalisten als Ursache des Absturzes eine Depression. Die voreilige kausale Verknüpfung einer psychischen Krankheit mit kriminellem Verhalten bewerten die Forscher als „riskante Berichterstattung“. Es werde der Eindruck erweckt, dass psychisch Kranke gefährlich und kriminell seien, was nicht der Wirklichkeit entspreche. Auch bei depressiven Patienten richte sich die Aggression in der Regel gegen die eigene Person, nicht aber gegen andere, erläutert Professor Dreßing. Handlungen, die den Tod anderer Menschen einschließen, seien eher durch narzisstische Persönlichkeitsauffälligkeiten zu erklären.

Darüber hinaus identifizierten die beiden Forscher in 79 Texten, was etwa 32 Prozent entspricht, Beschreibungen von Patienten und psychischen Erkrankungen, die sie als „explizite Stigmatisierung“ bewerten. Dazu gehören die Titulierung von psychisch Kranken als „Irre“, „Verrückte“, „Geisteskranke“ oder „Wahnsinnige“. Auch Metaphern, wie die Beschreibung der Depression als „dunkle Macht“, oder Wertungen, wie „schwer gestört“, sind für die beiden Forscher unangemessen. Darüber hinaus kritisieren sie die Bezeichnung der Patienten als Kriminelle sowie die Forderung nach einem generellen Berufsverbot. Solche Beschreibungen könnten zu einer Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen im Alltag führen.

Die Forscher sehen die Medien hier in der Verantwortung: Das Bild, das sich Laien von psychischen Erkrankungen machen, werde auch von Presseberichten geprägt, schreiben Dreßing und von Heydendorff. Sie verweisen auf den Pressekodex des Deutschen Presserates. Demnach ist in Berichten über medizinische Themen eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, da sie unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser wecken könnte. Gerade in den ersten Wochen nach dem Absturz hätten viele der untersuchten Beiträge dieser Vorgabe widersprochen.

Dass es ab Mai 2015 zu einem Rückgang der „riskanten Berichterstattung“ und „expliziten Stigmatisierung“ kam, führen die beiden Wissenschaftler auf die Intervention zahlreicher Fachleute aus der Psychiatrie zurück. Die Einhaltung der Richtlinien des Pressekodex sowie die rechtzeitige Einbeziehung ausgewiesener Experten könnte einer „riskanten Berichterstattung“ in Zukunft entgegenwirken, erklären Dreßing und von Heydendorff abschließend.

S. C. von Heydendorff und H. Dreßing:
Mediale Stigmatisierung psychisch Kranker im Zuge der „Germanwings“-Katastrophe
Psychiatrische Praxis 2016; Online erschienen am 9. Februar 2016
DOI: 10.1055/s-0042-101009