Auch in Deutschland: Armut als Gesundheitsrisiko

Stuttgart, April 2009 – Deutschland verfügt über eines der besten und teuersten Gesundheitssysteme der Welt – und auch der Zugang zu Gesundheitsleistungen sollte für jeden Bundesbürger gleich gut sein. Dennoch hat der soziale Status hierzulande einen starken Einfluss auf Erkrankungsrisiko und Lebenserwartung. Warum das so ist und wie man womöglich eine bessere gesundheitliche Chancengleichheit erreichen kann, beleuchtet die Physiotherapeutin und Gesundheitswissenschaftlerin Eva Trompetter in der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Die Tatsache, dass Menschen mit niedrigem Sozialstatus auch gesundheitlich schlechter gestellt sind, bezeichnen Fachleute als gesundheitliche Ungleichheit. Welche Faktoren diesen Zusammenhang erklären können, zeigt Eva Trompetter anhand eines sozialwissenschaftlichen Modells auf. Dem von Thomas Elkeles und Andreas Mielck entwickelten und von Rolf Rosenbrock modifizierten Erklärungsmodell zufolge wirken hauptsächlich drei große Faktorenkomplexe auf die Gesundheit eines Menschen ein. Zum einen lässt sich die individuelle gesundheitliche Beanspruchung abschätzen, indem die Bilanz aus gesundheitlichen Belastungen und gesundheitlichen Ressourcen gezogen wird. Zu den belastenden Faktoren zählen hierbei etwa Stress am Arbeitsplatz, mangelnde berufliche oder soziale Anerkennung, schwere körperliche Arbeit, Zeitdruck, Schichtarbeit, chemische, biologische und physikalische Belastungen oder fehlende Erholungsmöglichkeiten im Wohnumfeld. Gesundheitlichen Ressourcen dagegen ergeben sich unter anderem aus einem starken Selbstbewusstsein, einem guten Einkommen, sozialer Partizipation, dem Erleben eigener Handlungsspielräume und einer guten Bildung. "Wie aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien bekannt ist, sind Ressourcen wie Belastungen sehr ungleich auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten verteilt", sagt Eva Trompetter.

Der zweite Faktorenkomplex umfasst den gesundheitsrelevanten Lebensstil. Auch hier unterscheiden sich die sozialen Schichten deutlich voneinander. "Personen mit niedrigem sozialen Status rauchen häufiger, ernähren sich weniger abwechslungsreich, nehmen mehr ungesunde Lebensmittel zu sich und treiben weniger Sport", fasst Eva Trompetter die Probleme in den unteren Schichten zusammen. Offenbar erreichten gesundheitsbildende Maßnahmen, die sich an die Allgemeinheit richten, diese Menschen nur selten. Auch kostenlose Präventionsangebote von Krankenkassen werden von Menschen mit niedrigem Sozialstatus weitaus seltener wahrgenommen.

Als dritte Quelle gesundheitlicher Ungleichheit nennt das Rosenbrocksche Erklärungsmodell die unterschiedliche gesundheitliche Versorgung von Menschen der verschiedenen sozialen Schichten. "Je nach Untersuchung berichten zwischen 27 und 37 Prozent der gesetzlich Versicherten, dass sie ambulante Versorgungsleistungen schon einmal nicht oder nur eingeschränkt erhalten hätten", berichtet Eva Trompetter. Auch die Praxisgebühr dürfe als Hürde nicht unterschätzt werden, betont sie: In einer Umfrage hätten rund 21 Prozent der Arbeitslosen angegeben, einen Arztbesuch wegen der Gebühr verschoben oder unterlassen zu haben; bei Befragten mit einem Haushaltseinkommen von 3000 Euro oder mehr waren es dagegen nur 8,2 Prozent.

Alle drei Faktorenkomplexe zusammen haben drastische Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Wie Eva Trompetter ausführt, liegt in Deutschland zwischen den 25 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen und den 25 Prozent mit dem niedrigsten Einkommen ein Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung von zehn Jahren bei Männern und fünf Jahren bei den Frauen. Wege aus der Ungleichheit könnten nach Ansicht der Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin zum einen über Aufklärungs- und Präventionsangebote führen, die sich gezielt an Angehörige der unteren sozialen Schichten richten. "Alle gesundheitlichen Ressourcen und Belastungen, sowie das gesundheitsrelevante Verhalten bilden prinzipiell Ansatzpunkte für entsprechende Strategien", so Trompetter. Das sei nicht nur, aber auch Sache der Politik. Wichtig sei es auch, Hürden beim Zugang zu Gesundheitsleistungen abzubauen. Zunächst einmal müssten jedoch alle im Gesundheitswesen Tätigen ihr Bewusstsein für die Problematik schärfen und darüber nachdenken, welchen Beitrag sie persönlich zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit leisten können.

E. Trompetter:
Wie der soziale Status das Leben beeinflusst.
physiopraxis 2009; 7 (4): S. 12-14

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