Gesundheitsschäden durch Begasungsmittel in Hafen-Containern

fzm – Container, die an deutschen Seehäfen eintreffen, können gesundheitsschädliche Begasungsmittel enthalten. Bei Arbeitern, die Container im Hafen oder nach dem Weitertransport entladen führen sie im schlimmsten Fall zu Vergiftungen. Arbeitsmediziner schließen in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) eine Gefährdung von Verbrauchern nicht aus. Auch die Umwelt werde durch die Gase belastet.

Nicht nur Nahrungsmittel, auch Möbel aus Indonesien oder Schuhe aus China sind verderbliche Waren, wenn sich Schädlinge in den Containern befinden, die viele Wochen lang über die Ozeane transportiert werden. Die Exporteure leiten deshalb Brommethan, Phosphorwasserstoff oder andere Gase in die Container. Viele dieser Begasungsmittel sind für den Menschen giftig. Nach dem Öffnen der Container, aber auch beim späteren Umschlag der Ware komme es immer wieder zu Vergiftungen, berichtet Professor Xaver Baur, der Leiter des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin in Hamburg. Eine dort eingerichtete Datenbank verzeichnet seit April 2008 17 Vergiftungen aus Deutschland und 24 internationale Fälle, darunter auch einige Todesfälle.

Die Messungen des Instituts von Professor Baur an mehr als 2000 Containern im Hamburger Hafen ergaben, dass die Luft in den meisten belastet ist. Bei 14 Prozent lagen die Konzentrationen über den erlaubten Grenzwerten für Arbeitsplätze und 70 Prozent überschritten verbraucherorientierte Richtwerte. Die Arbeitsmediziner fanden nicht nur die üblichen Begasungsmittel. Immer wieder enthielt die Containerluft Formaldehyd, krebserregendes Benzol oder Toluol. Und in über der Hälfte der Fälle wurden mehrere Schadstoffe in einem Container gefunden.

Gefährdet sind laut Professor Baur Beschäftigte in der Logistikbranche, in Warenhäusern sowie in Klein- und Mittelbetrieben. Überall dort, wo Importcontainer entladen werden oder ein intensiver Kontakt mit frisch gelieferten Importwaren besteht. Warnhinweise gebe es nicht, da die Gase farb- und geruchlos sind – mit Ausnahme von Phosphorwasserstoff, der nach Knoblauch riecht, oder Cyanwasserstoff, der einen bittermandelartigen Geruch hat.

Die Vergiftungssymptome sind unspezifisch und deshalb schwer zu deuten, warnt Professor Baur. Bereits beim Betreten eines Containers können Haut, Atemwegen oder Augen gereizt werden. Fast immer würden sofort oder nach wenigen Stunden starke Kopfschmerzen, Benommenheit, Schwindel oder Konzentrationsstörungen einsetzen. Etwas seltener klagen die Patienten über Sehstörungen oder Missempfindungen auf der Haut. Auch Muskelkrämpfe oder ein Zittern sind möglich. In extremen Fällen kommt es innerhalb von Minuten zum Bewusstseinsverlust, berichtet der Autor.

Eine besonders gefürchtete Folge ist ein toxisches Lungenödem – eine Flüssigkeitsansammlung in der Lunge. Dieser Schaden zeigt sich oft erst nach einigen Tagen, führt dann aber meist zum Tod. Einige Gifte könnten auch Durchfall und krampfartige Bauchschmerzen auslösen. Bleibende Schäden an Nervensystem und in der Lunge sind nach Auskunft des Experten nicht ausgeschlossen. Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, aber auch asthmaartige Beschwerden können als Spätfolgen auftreten.

Gegengifte gibt es nur für die wenigsten Schadstoffe. Professor Baur: Die Arbeiter müssen sofort den belasteten Container verlassen, die Kleidung wechseln und die Kontaktstellen an der Haut waschen. Kranke werden in der Klinik beobachtet. Sollte dies bei schweren Fällen nötig sein, versuchen die Ärzte Kreislauf und Atmung so lange zu stabilisieren, bis der Körper die Gifte ausgeschieden hat.

Nach Einschätzung von Professor Baur können die Begasungsmittel auch den Verbraucher erreichen. Seine Untersuchungen an importierten Haushaltsmöbeln, Matratzen und Nahrungsmitteln ergaben in Einzelfällen gesundheitlich bedenkliche Konzentrationen. Erkrankungsfälle bei Verbrauchern sind bisher nicht bekannt geworden.

Angesichts von weltweit 400 Millionen Containern, die pro Jahr über die Welthäfen verschifft werden, stellen die Gase auch eine Umweltbelastung dar. Einige Stoffe wie Brommethan und 1,2-Dichlorethan tragen zum Ozonloch und zur globalen Erwärmung bei, berichtet der Mediziner. Die Produktion von Brommethan läuft aufgrund internationaler Regelungen 2015 aus. Doch auch das als Ersatz eingesetzte Sulfuryldifluorid trägt zum Abbau der Ozonschicht bei. Professor Baur fordert deshalb Anlagen zur Rückgewinnung der Begasungsmittel aus den Containern. Diese seien aber erst in wenigen Ländern vorgeschrieben.

X. Baur et al.:
Gesundheitsrisiken durch Begasungsmittelreste in Importcontainern.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (11): S. 516-521

Im Internet:

Datenbank mit Vergiftungsunfällen durch Begasungsmittel

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