Hausarzt top – Facharzt Flop? Patienten bewerten medizinische Versorgung

fzm, Stuttgart, November 2015 – Patienten bewerten die deutsche Gesundheitsversorgung sehr unterschiedlich und in sich recht uneinheitlich. „Während rund ein Drittel findet, dass das deutsche Gesundheitssystem insgesamt sehr gut funktioniert, sind 22 Prozent der Ansicht, dass das System komplett reformiert werden müsste“, sagt Professor Stephanie Stock vom Institut für Gesundheitsökonomie der Uniklinik Köln unter Hinweis auf eine aktuelle internationale Studie. Der insgesamt eher negativen Gesamteinschätzung stehe jedoch eine durchaus positive Bewertung einzelner Qualitätsmerkmale, wie der hausärztlichen Versorgung, gegenüber. Die Studie, deren deutschen Teil Stock gemeinsam mit Dr. Christof Veit koordiniert hat, wird in der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) vorgestellt.

Für die Studie befragte der amerikanische Commonwealth Fund (CMWF) chronisch Kranke in 11 Ländern, darunter sieben europäische Länder sowie Kanada, die USA, Australien und Neuseeland. Die Patienten - davon 1200 in Deutschland - wurden nicht nur nach bisherigen Erfahrungen mit der Gesundheitsversorgung gefragt, sondern auch nach Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Geburtsort oder Einkommen.

Besonders viel Lob spendeten die deutschen Patienten ihrem Hausarzt: 71 Prozent finden, dass er sich genügend Zeit nimmt, und 88 Prozent gaben an, in der Regel noch am selben Tag Antwort zu erhalten, wenn sie ihren Arzt telefonisch erreichen möchten. „Hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich an erster Stelle“, sagt Stephanie Stock. Ebenfalls sehr positiv wurde der Informationsfluss zwischen den behandelnden Ärzten bewertet. Nur neun Prozent der Befragten gaben an, dass in den letzten zwei Jahren wichtige Informationen zum bisherigen Krankheitsverlauf bei einem Arztbesuch einmal nicht verfügbar gewesen seien. Dieses Ergebnis wurde lediglich von der Schweiz übertroffen.

Kritischer werden dagegen die Fachärzte beurteilt. Rund jeder dritte Patient vermisste Informationen über Behandlungsalternativen oder die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Schlechter schnitten in dieser Hinsicht nur Frankreich, Norwegen und Schweden ab. Auf dem letzten Platz landete Deutschland bei der Frage, ob die Patienten sich vom Facharzt in die Entscheidungsfindung einbezogen fühlten.

Hier besteht nach Ansicht von Stock und Veit noch Verbesserungsbedarf - ebenso wie beim Zugang zu medizinischen Leistungen. „Immerhin 22 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwei Jahren schon einmal aus Kostengründen auf Arztbesuche, Untersuchungen oder das Einlösen von Rezepten verzichtet zu haben“, so die Gesundheitsexperten. Bei Patienten aus unteren Einkommensschichten seien es sogar 27 Prozent.

Als Trend, der beobachtet werden sollte, sehen die Autoren auch die Steigerung von Infektionen, die Patienten sich nach eigenen Angaben während eines Klinikaufenthaltes zugezogen haben. Die Zahl der hiervon Betroffenen stieg von 3 Prozent im Jahr 2005 auf 10 Prozent im Befragungsjahr 2011. Damit liegt Deutschland international im Mittelfeld. Spitzenreiter ist Deutschland dagegen mit einer sehr niedrigen Infektionsrate nach ambulanten Operationen.

Wie die Diskrepanz zwischen teilweise sehr guten Einzelbewertungen und einer verbreiteten Unzufriedenheit mit dem deutschen Gesundheitssystem zustande kommt, konnte die Studie nicht klären. „Insbesondere bleibt offen, ob sich der Wunsch nach Reformen eher auf die Finanzierung, die Strukturen oder die Versorgungsqualität bezieht“, resümieren die Autoren. Hier seien noch detailliertere Studien nötig.

S. Stock, D. Hertle, C. Veit
Patientenzentrierung und Qualität der Versorgung in Deutschland im internationalen Vergleich - Ergebnisse eines Telefon-Surveys von Patienten in 11 Ländern
Das Gesundheitswesen 2015; 77 (10); S. 761-767