Händedesinfektion auf Intensivstationen: Ärzte und Pflegepersonal werden wieder nachlässiger

fzm, Stuttgart, Juli 2014 – Die 2008 gestartete Kampagne „AKTION Saubere Hände“ hat bei Ärzten und Pflegepersonal im Krankenhaus das Bewusstsein für die Händedesinfektion geschärft. Doch nach anfänglicher Einhaltung der Regeln wird das Personal wieder nachlässiger, wie die Qualitätsprüfung auf den Intensivstationen einer deutschen Schwerpunktklinik zeigt. Die Untersuchung in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) konstatiert ein Nachhaltigkeitsproblem.

Die AKTION Saubere Hände, die auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation „Clean Care is Safer Care“ zurückgeht, soll die Zahl der Krankenhausinfektionen senken, die in Deutschland auf bis zu 600.000 pro Jahr geschätzt wird. Die vom Robert Koch-Institut mit den zuständigen medizinischen Fachgesellschaften gestartete Kampagne wird weithin als erfolgreich eingestuft. Auch an der Medizinischen Hochschule Hannover, einem Klinikum der universitären Maximalversorgung mit chirurgischem Schwerpunkt und rund 1500 Betten, ist anfangs die Zahl der Ärzte und Pflegekräfte gestiegen, die sich vor und nach jedem Patientenkontakt, vor aseptischen Tätigkeiten, wie etwa Verbandwechsel, und nach dem Berühren infizierter Materialien die Hände mit einer alkoholischen Lösung desinfizierten. Die Einhaltung der Regeln, die sogenannte Compliance, stieg auf den Intensivstationen bei Ärzten von 53 auf 64 Prozent, berichtet Professor Iris Chaberny von der Abteilung Krankenhaushygiene der Hochschule, die einmal jährlich das Verhalten von Ärzten und Pflegepersonal beobachten lässt. Das Pflegepersonal übertraf die Ärzte noch. Die Compliance stieg von 56 auf gut 71 Prozent. Die Hygieneexpertin führt dies einerseits darauf zurück, dass sich die Kampagne an der Klinik tendenziell stärker auf die Pflege als auf die Ärzte konzentriert habe. Andererseits könnten die Ärzte, die im Operationssaal die höchsten Hygienestandards einhalten, ihr Risiko unterschätzen, auf der Krankenstation Keime zu übertragen. Tatsächlich werden auf der Station die meisten patientennahen Tätigkeiten vom Pflegepersonal ausgeübt, berichtet Professor Chaberny. Ärzte hätten jedoch beispielsweise bei der Visite Kontakt zu allen Patienten einer Station, was das Übertragungsrisiko nach Einschätzung der Expertin deutlich erhöhen kann.

Die Beobachtungen aus den letzten Jahren zeigen, dass die Compliance bei den Ärzten nachgelassen hat. Im Jahr 2013 fiel sie auf rund 49 Prozent und war damit sogar niedriger als 2008 zu Beginn der Kampagne. Professor Chaberny fragt sich deshalb, ob „ärztespezifische Barrieren“ existieren, die die Mediziner davon abhalten, die Hygieneregeln einzuhalten. Dies könnten Defizite in der krankenhaushygienischen Ausbildung sein, Tendenzen zur Überschätzung der eigenen Compliance oder fehlende Vorbilder.

Auch beim Pflegepersonal kam es zu einem Rückfall. Mit einer Compliance von gut 55 Prozent hielten sich Pfleger und Krankenschwestern zwar am Ende öfter an die Regeln als die Ärzte. Die Compliance war jedoch fast auf das Ausgangsniveau vor Beginn der Kampagne gefallen.

Die fehlende Nachhaltigkeit bei Pflegepersonal und Ärzten zeigt nach Ansicht der Expertin, dass die Händehygiene weiterhin eine Herausforderung für die Infektionsprävention ist. Eine zeitlich begrenzte Kampagne allein könne das Verhalten offenbar nicht dauerhaft ändern. Sie schlägt vor, weiterhin regelmäßig Qualitätsprüfungen durchzuführen. Das Ziel müsse sein, die hygienische Händedesinfektion in die alltäglichen Arbeitsabläufe des pflegerischen und insbesondere des ärztlichen Personals fest zu verankern.

I. F. Chaberny et al.:
Hygienische Händedesinfektion – Leitlinien-Compliance auf Intensivstationen eines Universitätsklinikums mit chirurgischem Schwerpunkt
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (25/26); S. 1341-1345