Das Unmögliche möglich machen

fzm – Wenn Menschen mit einem Handicap als Artisten im Zirkus auftreten sollen – verlangt man damit nicht von vorneherein etwas Unerreichbares? Mit dieser bangen Frage machten sich die Therapeuten des Hegau-Jugendwerks in Gailingen daran, ein interdisziplinäres, therapeutisches Zirkusprojekt auf die Beine zu stellen. Dass sich Behinderung und Artistik durchaus nicht ausschließen – von dieser und anderen überaus positiven Erfahrungen mit dem Zirkus „Sternenzelt“ berichtet die Initiatorin des Projekts in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Julia Blach arbeitet als Physiotherapeutin im Hegau-Jugendwerk, einem neurologischen Rehabilitationszentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Idee für das Zirkusprojekt wurde aus ihrer nebenberuflichen Tätigkeit als Erlebnispädagogin mit dem Schwerpunkt Zirkus geboren. Der Plan, den Zirkus in die therapeutische Arbeit zu integrieren stieß auch bei ihren Kollegen sofort auf Begeisterung: Für drei Wochen im Sommer 2009 sollte zusätzlich zu den regulären Therapien im Zirkuszelt gearbeitet werden. Die eigentliche Therapie sollte dabei in den Hintergrund treten und Spaß an der Zirkusarbeit, Bewegungsfreude und Motivation dazu beitragen, die vorhandenen Ressourcen der kleinen Patienten zu aktivieren. „Weg vom defizitorientierten Behandeln, hin zum spielerischen Erlernen neuer Fähigkeiten hieß die Devise“, sagt Julia Blach.

Welch großer Herausforderung sich die Therapeuten und Lehrer des Jugendwerks stellten, wird bei einem Blick auf die medizinischen Diagnosen der jungen Patienten deutlich: Sie reichten von Hemiparesen über Multiple Sklerose und kindliche Schlaganfälle bis hin zu Schädel-Hirn-Traumata und Tumorresektionen.

Entsprechend groß war die anfängliche Skepsis bei den jungen Artisten. „Auf die gezeigten Kunststücke reagierten die Kinder häufig sehr zurückhaltend“, berichtet Julia Blach. Oft seien Kommentare gefallen wie „Das schaffe ich nie“ oder „Das traue ich mich nicht“. Doch bald sprang der Funke über, und mit den ersten Erfolgen stellte sich auch die Motivation ein.

Wichtig für das Gelingen des Projekts war zum einen die Vorauswahl der Teilnehmer. „Hauptkriterien waren die Therapietreue der Patienten und ein Sinnverständnis für das Thema Zirkus“, sagt Initiatorin Blach. Die medizinische Diagnose stand dagegen nicht im Vordergrund, betont sie. Auch schwer betroffene Jugendliche im Rollstuhl konnten bei dem Projekt mitwirken, da die Therapeuten die Zirkusdisziplinen mit ein bisschen Kreativität gut adaptiert hatten – auch dies war eine Voraussetzung für den Erfolg. Entscheidend waren aber die Motivation und der Einsatz der Artisten selbst. In den drei Wochen übten sie ihren Part immer und immer wieder, stets an der momentanen Leistungsgrenze und doch unermüdlich.

Sowohl motorisch, als auch kognitiv bedeuteten die Kunststücke eine echte Herausforderung für die Patienten. Doch das hochfrequente Üben machte sich letztlich auch aus therapeutischer Sicht bezahlt. Zwar haben die Therapeuten auf eine Evaluation verzichtet. Nach der Aufführung meldeten jedoch einige Eltern und auch die Artisten selbst, dass die motorischen Fähigkeiten sich subjektiv verbessert hätten. Auch das Selbstvertrauen der Kinder und die Motivation für die weitere Rehabilitation hatten deutlich zugenommen.

„Diese kleinen Erfolge und das Lachen in den Gesichtern der Kinder nach der gelungenen Aufführung zeigten, dass der Zirkus ein echtes Geschenk war“, resümiert Julia Blach – für die Therapeuten, die Eltern, aber vor allem für die kleinen Artisten selbst.

J. Blach:
Jonglieren, Zaubern, Akrobatik – Mit einem Zirkusprojekt Bewegungsfreude wecken.
physiopraxis 2010; 8 (3): S. 38–40

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