Heißhunger nach Mitternacht

Stuttgart, April 2009 – Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird das "Night Eating Syndrom", kurz: NES, erforscht. Dabei handelt es sich um ein Verhalten der besonderen Art: Die Betroffenen verzehren große Mengen an Nahrung in der Nacht – ihr Essverhalten ist ungewöhnlich, ihr Schlaf gestört und ihre morgendliche Appetitlosigkeit groß. Wie die Psychologin Barbara Mühlhans und ihre Kolleginnen Katharina Olbrich und Professor Martina de Zwaan vom Universitätsklinikum Erlangen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "PPmP – Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie" darlegen, sind sich Forscher noch immer uneins, was sich hinter dem "Night Eating Syndrom" eigentlich verbirgt (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Handelt es sich um eine psychische Störung oder lediglich um eine Verhaltensauffälligkeit, die keiner Behandlung bedarf?

"Die Erforschung des NES steckt bis heute in den Kinderschuhen", schreiben Mühlhans und Co-Autorinnen. Ob es sich beim Night Eating Syndrom um ein "Phänomen mit Krankheitswert" handelt und ob sich eine eigenständige Diagnose ableiten lässt, so Mühlhans, ist völlig unklar. Das "Störungsbild" gibt Rätsel auf – auch noch 50 Jahre nach seiner Entdeckung. Klar scheint nur eines zu sein: Die ursprüngliche Definition steht auf wackligen Füßen. Manche Wissenschaftler sprechen von NES, wenn ein Viertel des Nahrungsbedarfs zu später Stunde gestillt wird; andere wiederum legen als Richtwert fest, dass die Hälfte der Nahrung erst nach dem Abendessen verzehrt wird. Je nachdem, welche Regel hier angelegt wird, fallen die Krankheitshäufigkeiten unterschiedlich aus: Sie schwanken zwischen einem und 16 Prozent. Bei Personen, die sich einer ärztlich verordneten Diät unterziehen, ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit besonders hoch. Menschen mit Übergewicht leiden häufiger an NES als Normalgewichtige.

Das Night Eating Syndrom, darin sind sich die Experten einig, geht häufig mit Schlafstörungen einher. Wie beides aber miteinander zusammenhängt – Schlaf- und Essstörung – bleibt ungeklärt. Auch die Abgrenzung zu anderen Arten von Essstörungen gestaltet sich schwierig, etwa gegenüber dem sogenannten Binge-Eating-Syndrom (BES). Menschen, die unter BES leiden, werden regelmäßig von Essanfällen heimgesucht; sie verzehren in kurzer Zeit außergewöhnlich viel Nahrung. Anders als beispielsweise bulimische Personen kompensieren sie die starke Nahrungsaufnahme jedoch nicht durch Sport oder selbst herbei geführtes Erbrechen. Während Binge-Eater zu jeder Tages- oder Nachtszeit eine Essattacke bekommen können, ist bei Night-Eatern der zirkadiane Rhythmus, also der Tag-Nacht-Rhythmus gestört: Sie essen nachts. Charakteristisch für NES-Betroffene ist ein eingeschränktes Gefühl von Kontrolle. Die absolute Menge des Verzehrten ist weniger entscheidend. Im Gegensatz zu Schlafwandlern können sie sich jedoch an die Nahrungsaufnahme erinnern.

B. Mühlhans et al.:
Night Eating Syndrom und nächtliches Essen – was ist das eigentlich?
PPmP – Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2009; 59 (2):
S. 50-56

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