• Radjai misst den Blutdruck © Jens van Zoest, TRIAS Verlag

    Dr. Mo misst den Blutdruck

     

Mensch ärgere dich nicht – unser Herz unter Druck

Dr. med. Mohsen Radjai, Facharzt für Innere-, Allgemein- und Sportmedizin, Chirotherapie und klassische Akupunktur

Bluthochdruck ist „der stille Killer“ und Risikofaktor Nummer 1 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Über Jahre verspüren die Betroffenen keinerlei Beschwerden. Sie fühlen sich fit, leistungsstark und nicht beeinträchtigt. Bis es zum großen Knall, das heißt zu Schlaganfall oder Herzinfarkt kommt. Man schätzt, dass sieben bis zehn Millionen Menschen in Deutschland nicht wissen, dass sie betroffen sind. Fast jeder dritte erwachsene Deutsche hat erhöhten Blutdruck. Ab dem 60. Lebensjahr ist es sogar jeder zweite. Männer sind häufiger betroffen als Frauen, Ältere häufiger als junge Menschen. Besonders häufig trifft es Menschen mit einem reizbaren Temperament. „Auf 180 sein“ beschreibt nämlich nichts anderes als den systolischen Blutdruck im Wutzustand.

Gefäße leiden

Bei jedem einzelnen Herzschlag setzen die Blutgefäße dem Herzen einen Widerstand entgegen, den es überwinden muss, um das Blut überhaupt zirkulieren zu lassen. Auch das geförderte Volumen hat einen Einfluss auf den Blutdruck. Das Herz schlägt dabei schneller oder kräftiger. So passen sich das Herz und der Blutdruck den Anforderungen unterschiedlicher Lebenssituationen an. Bei andauerndem Bluthochdruck leiden sowohl das Herz als auch die Gefäße und die Endorgane wie Nieren und Augen. Ähnlich einem Fluss, der bei Hochwasser das Flussbett aushöhlt, werden die Gefäßwände bei Bluthochdruck stärker belastet. Es kommt zu minimalen Verletzungen der Gefäßinnenschicht. Das Resultat sind An- und vor allem Einlagerung von Blutfetten, die das Blutgefäß zunehmend verengen. Ein Teufelskreis, denn das „verkalkte“ Gefäß ist alles andere als elastisch. Damit wird dem Bluthochdruck wieder Beihilfe geleistet. Bluthochdruck erhöht außerdem das Risiko für eine koronare Herzkrankheit und einen Herzinfarkt.

Diagnose und Ursachen

Die Diagnose „Bluthochdruck“ ist oft eher ein Zufallsprodukt, zum Beispiel beim allgemeinen Gesundheitscheck. Es wird daher allgemein empfohlen, ab 40 Jahren mindestens einmal im Jahr den Blutdruck messen zu lassen. Im Alter von 50 Jahren sollte dies halbjährlich geschehen. Wer familiär vorbelastet ist, das heißt, wenn bei nahen Verwandten schon Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgetreten sind, sollte bereits mit 30 Jahren beginnen, den Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren. Die meisten Patienten (95 Prozent) leiden unter einer primären arteriellen Hypertonie, einem Bluthochdruck ohne direkte Ursache. Bei der Vielfaktorenkrankheit spielen sowohl die genetische Veranlagung und das Alter, aber auch Bewegungsmangel, Übergewicht, eine Diabetes-Erkrankung, eine salz- und fetthaltige Ernährung, Stress und der Konsum von Alkohol, Nikotin und Schmerzmitteln eine Rolle. Jeweils für sich oder in Kombination kann das alles einen hohen Blutdruck auslösen.

Therapie ist notwendig

Die Therapie ist in aller Regel eine Dauertherapie und nicht mit Ende der Tablettenpackung abgeschlossen. Mehr als 100 Millionen Rezepte über Blutdrucksenker werden jedes Jahr in Deutschland ausgestellt. Hier besteht ein deutliches Problem bei der Therapietreue. Der behandelnde Arzt muss gut aufklären, denn der Patient fragt sich natürlich, warum eine Behandlung notwendig ist, obwohl er doch vermeintlich keine Beschwerden verspürt und gleichzeitig Nebenwirkungen zu befürchten sind. Im Aufklärungsgespräch versuche ich, meinen Patienten ein anschauliches Beispiel zu geben. Auch ein Autoreifen zeigt bei normalen Fahrgewohnheiten nach drei Jahren unvermeidlich Gebrauchsspuren. Wenn sie jetzt regelmäßig einen Kavalierstart und Vollbremsungen hinlegen, merken sie nach den drei Jahren vielleicht noch keine Änderung der Fahreigenschaften des Reifens. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis es zum großen Knall kommt. Ähnlich verhält es sich bei fortwährendem Bluthochdruck an den Blutgefäßen.

Was jeder tun kann

Neben Medikamenten ist eine Lebensstilveränderung eine entscheidende Therapiesäule. Es lohnt sich, den inneren Schweinehund zu überwinden und lieb gewonnene Gewohnheiten zu hinterfragen. Patienten mit einem normalen Blutdruck leben circa fünf Jahre länger als Hypertoniker. Das Risiko für einen Schlaganfall ist um rund 40 Prozent, für einen Herzinfarkt um 50 Prozent reduziert. Wer im Alter von 30 Jahren mit dem Rauchen aufhört, erhöht seine Lebenserwartung um zehn Jahre. Bei einem Rauchstopp mit 60 Jahren sind es noch drei Jahre. Wer sein Körpergewicht um zehn Kilogramm reduziert, kann den Blutdruck um zehn Prozent senken. Eine ausgewogene mediterrane Kost kann das Herzinfarktrisiko um 40 bis 50 Prozent reduzieren. Gleiches gilt für regelmäßige Bewegung.

Herzbewegend

Natürlich ist Bewegung viel anstrengender, als regelmäßig Pillen zu schlucken, aber absolut notwendig, um hohen Blutdruck zu therapieren. Ziel sollte es sein, an circa fünf Tagen pro Woche 30 bis 60 Minuten Ausdauertraining in moderater Intensität einzuplanen. Ergänzend ist ein- bis zweimal wöchentlich Krafttraining wünschenswert. Ein Check-up zur Bestimmung der individuellen Grenzen sollte vorab beim Arzt stattfinden. Aber auch schon ein paar schweißtreibende Minuten im Alltag fördern Herz, Kreislauf und Lebenserwartung. Die Pumpleistung wird erhöht und die Durchblutung des Herzens gefördert. All das beugt dem Herzinfarkt vor, macht die Blutgefäße elastisch und steigert das Blutvolumen um bis zu eineinhalb Liter. Ein guter Trainingszustand kann den altersbedingten Bluthochdruck zudem um fast zehn ahre verzögern. Darauf lässt eine Langzeitstudie aus den USA schließen. Kardiologen haben zwischen 1970 und 2006 etwa 14 000 gesunde Männer zwischen 20 und 90 Jahren auf deren körperliche Leistungsfähigkeit untersucht. Dabei mussten die Männer regelmäßig einen Belastungstest auf einem Fahrradergometer durchführen. Das Ergebnis in Sachen Blutdruck: Bei den Männern mit einem niedrigen Fitnesslevel stiegen die Werte für den oberen und unteren Blutdruck bereits ab einem Alter von 42 bis 46 Jahren an. Während bei den Fitten der obere Wert erst ab 54 anstieg. Deren unterer Blutdruckwert erhöhte sich erst zu einem noch späteren Zeitpunkt: nämlich mit etwa 90 Jahren.

Als Arzt kann ich meinen Patienten die Hoffnung machen, dass durch eine Lebensstilveränderung eine leichte bis milde arterielle Hypertonie möglicherweise ganz ohne Medikamente in den Zielbereich gebracht werden kann. Das ist zwar keine Garantie für längeres Leben, aber mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Option für erheblich bessere Lebensqualität.

Dr. med. Mohsen Radjai
Es gilt das gesprochene Wort.
Hamburg, Oktober 2015

 

  • Bluthochdruck ist „der stille Killer“. Über Jahre verspüren die Betroffenen keinerlei Beschwerden. Bis es zum großen Knall, das heißt zu Schlaganfall oder Herzinfarkt kommt.

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