Bluthochdruck: Pflegeheimbewohner werden häufig falsch behandelt

fzm, Stuttgart, Dezember 2014 – Viele Bewohner von Altenpflegeheimen, die unter einem Bluthochdruck leiden, erhalten gleich mehrere Medikamente. Dabei kommt es einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) zufolge häufig zu einer Übertherapie mit einer zu starken Senkung des Blutdrucks. Zudem erhielten viele Bewohner im hohen Alter bedenkliche Wirkstoffe.

Der Bluthochdruck, die arterielle Hypertonie, wird im Alter häufiger. Unter den Bewohnern aus zwölf vollstationären Pflegeeinrichtungen in Berlin betrug der Anteil rund 90 Prozent. Die Bewohner waren durchschnittlich 84 Jahre alt und die meisten wurden mit blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt. Doch die Blutdruckwerte, die ein Team um Professor Reinhold Kreutz von der Charité im Verlauf von sechs Monaten dreimal kontrolliert hatte, lagen in den wenigsten Fällen in dem angestrebten Zielbereich. Der obere, systolische Blutdruck sollte im Alter über 80 Jahre unter 140 mm Hg liegen, erläutert der Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie. In der Untersuchung lagen etwa 30 Prozent der Bewohner über dem Grenzwert, obwohl die meisten Medikamente erhielten. Mit rund 34 Prozent noch größer war der Anteil der Bewohner, die einen systolischen Wert von unter 120 mm Hg hatten. Bei jüngeren Menschen sind 120 mm Hg ein idealer systolischer Wert, bei Senioren ist er zu niedrig, so der Experte.

Professor Kreutz führt die zu niedrigen Werte auf eine Übertherapie zurück. Die meisten Hochdruckpatienten nahmen mehr als ein Medikament ein: Gut 30 Prozent hatten eine Dreifachkombination erhalten, bei knapp zehn Prozent wurden vier oder mehr Wirkstoffe eingesetzt. Nicht nur die Zahl der Medikamente ist nach Einschätzung von Professor Kreutz zu hoch, auch die Auswahl der Wirkstoffe war problematisch. Mehr als 60 Prozent der Patienten erhielten harntreibende Wirkstoffe, sogenannte Diuretika. Ein Grund könnte in vielen Fällen eine begleitende Herzschwäche gewesen sein, gibt Professor Kreutz zu bedenken. Diuretika können die Wassereinlagerungen, Ödeme, ausschwemmen, zu denen es bei einer Pumpschwäche des Herzens kommt. Diuretika sind im Alter jedoch ein riskantes Medikament: Wenn die Patienten zu wenig trinken, kann es zu einem Volumenmangel in den Gefäßen und zu Elektrolytstörungen kommen. Die Folge sind Verwirrtheit und kognitive Störungen bis hin zur Demenz.

Ein anderer möglicher Fehler könnte darin bestehen, dass der Blutdruck nach dem Beginn der Therapie nicht weiter kontrolliert wird. Der Blutdruck kann bei älteren Menschen deutlich schwanken. Ein Ziel der Untersuchung war Bestimmung der „Visit-to-visit“-Blutdruckvariabilität gewesen. Bei den meisten Bewohnern waren die Werte über den Zeitraum von einem halben Jahr stabil geblieben. Die Abweichungen betrugen im Mittel nur 9 mm Hg. Es gab aber auch größere Schwankungen von bis zu 36 mm Hg. Um eine Überbehandlung zu vermeiden, sollte die blutdrucksenkende Therapie kontinuierlich den aktuell gemessenen Blutdruckwerten angepasst werden, empfiehlt der Experte.


R. Kreutz et al.:
Arterielle Hypertonie, antihypertensive Therapie und Visit-to-visit-Blutdruckvariabilität bei älteren Pflegeheimbewohnern
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (48); S. 2441-2446