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    Auf Backwaren, die aus glutenhaltigen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel hergestellt werden, sollten Zöliakie-Patienten verzichten. © Stefanie Bütow – Thieme Verlagsgruppe

     

Impfen gegen Zöliakie? Neue Behandlungsansätze bei schwerer Gluten-Unverträglichkeit

fzm, Stuttgart, November 2016 – Nach Angaben der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e. V. (DZG) leidet einer von hundert Bundesbürgern unter Zöliakie – einer Unverträglichkeit des Klebereiweißes Gluten. Die Betroffenen müssen beim Essen auf vieles verzichten. Denn nur wenn sie glutenhaltige Nahrungsmittel vermeiden, können sie eine schleichende Zerstörung ihrer Darmschleimhaut verhindern. Es gibt jedoch eine Reihe neuer Behandlungsansätze, die das Leben der Patienten in Zukunft erleichtern könnten. Experten stellen diese in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) vor.

Bei Zöliakie reagiert das Immunsystem auf das Klebereiweiß Gluten, das in den meisten Getreidemehlen enthalten ist. Die Folge ist eine „Architekturstörung“ der Schleimhaut im Dünndarm, erläutern der Gastroenterologe Dr. med. Michael Schumann vom Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité und die ebenfalls dort tätige Assistenzärztin Lydia Lebenheim. Diese Immunreaktion löst eine Entzündung aus. Infolgedessen werden die Darmzotten, die für die Nährstoffaufnahme verantwortlich sind, kürzer beziehungsweise verschwinden. Die Patienten leiden unter schweren Durchfällen und es kommt zu einer Gewichtsabnahme. Bei Kindern kommt es auch zu Gedeihstörungen, weil der Darm immer weniger in der Lage ist, die notwendigen Nährstoffe aufzunehmen. Dieser Prozess schreitet unaufhaltsam voran – es sei denn, die Betroffenen verzichten auf den Verzehr von Gluten.

Die Diagnose Zöliakie stellen Mediziner heute zumeist mithilfe eines Bluttests und einer Magen- und Dünndarmspiegelung. Im Blut der Betroffenen lassen sich Antikörper nachweisen, die infolge der Abwehrreaktion des Immunsystems gebildet werden. Bei der Magenspiegelung entnehmen Ärzte Gewebeproben aus dem Zwölffingerdarm, dem obersten Abschnitt des Dünndarms. Kommt es nach wenigen Wochen glutenfreier Kost zu einer merklichen Besserung der Symptome, ist der letzte Beweis für das Vorliegen einer Zöliakie erbracht.

Derzeit sieht die einzige Therapie vor, Gluten komplett zu meiden. Doch der völlige Verzicht auf Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel fällt vielen Patienten schwer. Zudem ist Gluten in fast allen verarbeiteten Lebensmitteln enthalten. Deshalb suchen Experten intensiv nach weiteren Behandlungsoptionen. Eine Möglichkeit ist die Einnahme von sogenannten Endopeptidasen. Das sind Enzyme, die Gluten im Darm abbauen, bevor es die Schleimhaut erreicht. Eine erste Studie aus Finnland belegt laut Dr. Schumann, dass die Enzyme Gluten so effektiv verdauen, dass keine Veränderung der Schleimhaut mehr auftritt. Ein weiterer Behandlungsansatz ist ein Wirkstoff, der die Darmschleimhaut stabilisiert und so verhindert, dass Gluten in das Gewebe eindringt. Erste Studienergebnisse mit dem Wirkstoff Larazotide zeigen laut den Autoren jedoch, dass sich das Mittel wohl nur begleitend zu einer glutenarmen Ernährung eignet. Derzeit sind aber weder Endopeptidasen noch Larazotide für die Behandlung der Zöliakie zugelassen.

Des Weiteren könnten Wirkstoffe, die das Enzym Transglutaminase hemmen, die Entzündung abschwächen. Transglutaminasen kommen natürlicherweise in der Schleimhaut vor und verändern die Struktur von Gluten in einer Art und Weise, dass es besser von den Immunzellen erkannt wird. Dies verstärkt die Entzündung. Laut Dr. Schumann testen Mediziner erste Transglutaminase-Hemmer im Rahmen klinischer Studien. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Auch eine Impfung könnte in Betracht kommen: Der Impfstoff „NexVax2“ soll die Abwehrzellen „besänftigen“, die nach dem Kontakt mit Gluten die Abwehrreaktion starten. Das Ziel besteht darin, die Toleranz des Darms gegenüber Gluten wieder herzustellen, erläutert Dr. Schumann. In den USA hat hierzu kürzlich eine klinische Studie begonnen.

Noch ist unklar, ob sich die neuen Therapien durchsetzen werden. Betroffene müssen daher zunächst weiterhin Gluten meiden. Dies gilt teilweise auch für Familienangehörige, die nicht erkennbar erkrankt sind. Denn Zöliakie hat eine starke genetische Komponente. Bei etwa 80 Prozent eineiiger Zwillinge sind beide Geschwister von einer Zöliakie betroffen. Da eine Zöliakie auch ohne Beschwerden den Darm schädigen kann, sollten Verwandte ersten Grades zumindest einen Bluttest machen. Auch Menschen mit Typ-1-Diabetes, Multipler Sklerose oder Schilddrüsenerkrankungen sollten einen Test erwägen, da viele Autoimmunerkrankungen von einer Zöliakie begleitet werden.

M. Schumann und L. Lebenheim:
Neues zur Zöliakie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (20); S. 1474–1477

 

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