Neue Influenza: Verlauf nicht vorhersehbar – Schutzmaßnahmen lückenhaft

fzm – Die Neue Influenza A/H1N1, wie die "Schweinegrippe" offiziell heißt, kann einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen. Die meisten Patienten erholen sich schnell, vor allem wenn sie rechtzeitig wirksame Medikamente erhalten. Bei anderen kann die Erkrankung zu einem tödlichen Risiko werden, wie zwei Krankengeschichten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) zeigen.

Bei der 27-jährigen Frau, über die Dr. Sabine Wicker vom Betriebsärztlichen Dienst der Universität Frankfurt berichtet, begann die Erkrankung mit Halsschmerzen und einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Als sie zwei Tage später innerhalb von einer Stunde 40 Grad Fieber bekam, ahnte sie, dass sie an der Schweinegrippe erkrankt war. Sie gehörte nämlich zum Team, das im Juli 2009 an der Universität Frankfurt eine Gruppe von Patienten betreute, die sich auf Mallorca mit dem Virus der Neuen Influenza angesteckt hatten. Seit dem Eintreffen dieser Gruppe waren sieben Tage vergangen, als die junge Frau selbst in der Klinik behandelt werden musste. Nach einem positiven Schnelltest wurde sie sofort mit den Medikamenten Tamiflu® und Relenza® behandelt. Beide sind Neuraminidase-Hemmer, die Grippeviren und damit auch die Neue Influenza bekämpfen. Schon zwei Tage später war die Patientin durchgehend fieberfrei und nach drei weiteren Tagen waren keine Viren im Blut mehr nachweisbar.

Laut Dr. Wicker war die Frau die zweite Krankenschwester, die sich in Deutschland bei Patienten mit der Neuen Grippe angesteckt hatte. In den USA waren bereits im Juni 48 Erkrankungen unter Beschäftigen des Gesundheitswesens bekannt geworden. Und nachdem in Kalifornien eine Krankenschwester an der Infektion gestorben war, waren die Ärzte in Frankfurt alarmiert.

Die Krankengeschichte zeigt, dass medizinisches Personal ein erhöhtes Risiko gegenüber der Grippe trägt. Schutzmaßnahmen können eine Ansteckung nicht immer verhindern. Die Patientin versicherte nach Einschätzung von Dr. Wicker glaubhaft, dass sie Schutzhandschuhe, Überkittel, Schutzbrille und eine spezielle Atemmaske (FFP3) getragen habe. Die Betriebsärztin rät Ärzte und Pflegekräften deshalb dringend, sich gegen die Grippe impfen zu lassen.

Bei einem zweiten Patienten, über den Dr. Sebastian Weber vom St. Elisabeth Krankenhaus in Köln berichtet, hatten die Ärzte die H1N1-Infektion nicht gleich erkannt. Der 52-jährige Mann war in der Klinik bekannt, schreibt Dr. Weber. Er sei zuvor wegen wiederholter akuter Entzündungen der Bauchspeicheldrüse behandelt worden, die Folge eines langjährigen Alkoholkonsums waren. Er hatte einen leichten Bluthochdruck und seine Lunge war durch langjähriges Rauchen geschädigt. Die Klinik hatte er aufgesucht, nachdem sich Husten sowie Fieber mit Schüttelfrost nicht besserten, die er – ohne Rücksprache mit einem Arzt – seit drei Tagen mit einem Antibiotikum behandelt hatte. Antibiotika sind gegen Vireninfektionen wie H1N1 nicht wirksam. Auch die Ärzte vermuteten zunächst eine schwere durch Bakterien ausgelöste beidseitige Lungenentzündung. Erst nach drei Tagen wurde eine Virusinfektion erkannt und eine Therapie mit Neuraminidase-Hemmern begonnen. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Mann bereits maschinell beatmet. Er überlebte die schwere Erkrankung nur, weil er rechtzeitig in ein Behandlungszentrum transportiert wurde. An der Universität Bonn wurde sein Blut über ein Spezialgerät, das die Lungenfunktion ersetzt, außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt. Inzwischen kann er wieder selbstständig atmen. Nach Einschätzung von Dr. Weber wird er die schwere Infektion überleben. Der Fall zeige, dass die Neue Influenza mit ihren bisher nur im Ausland beobachteten schweren und tödlichen Verläufen in Deutschland angekommen ist. Auch Dr. Weber vertritt die Ansicht, dass Ärzte und Pflegepersonal sich durch Impfung vor der Neuen Influenza schützen sollten.

S. Wicker et al.:
Neue Grippe H1N1/2009: Infektionsübertragung auf medizinisches Personal.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (48): S. 2443-2446

S. A. Weber et al.:
Fulminante, lebensbedrohliche Influenza-A/H1N1-Virusinfektion.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (48): S. 2447-2450

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