Warum nächtliche Mahlzeiten dick machen

fzm, Stuttgart, April 2014 – Wer nachts regelmäßig den Kühlschrank plündert oder beruflich auf nächtliche Mahlzeiten angewiesen ist, neigt häufig zum Übergewicht. Den Grund vermuten Ernährungswissenschaftler in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) in einer Störung der Inneren Uhr durch die zeitliche Verschiebung der Mahlzeiten.

Der Mensch ist von Uhren umgeben. Es gibt sie nicht nur in der Umwelt an Wänden und Armbändern und in unzähligen elektronischen Geräten. Auch der menschliche Körper hat seine Zeitgeber. Im Gehirn reguliert eine zentrale Uhr, wann wir wach sind und wann wir schlafen. Innere Uhren gibt es jedoch auch außerhalb des Gehirns. Sie ticken praktisch in jeder Zelle des Körpers, wo einzelne Gene nachts stärker oder schwächer aktiv sind als tagsüber. In der Leber, dem Fettgewebe und der Muskulatur beeinflussen die Inneren Uhren unter anderem den Energiestoffwechsel. Und dies hat, wie Dr. Olga Pivovarova vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke schreibt, Einfluss auf das Körpergewicht.

So sei die Bildung der Hormone Insulin, Glucagon, Leptin, Adiponectin und Ghrelin tageszeitlichen Schwankungen unterworfen. Leptin, das den Hunger unterdrückt, werde beispielsweise in der Nacht vermehrt gebildet. Auch bei den einzelnen Enzymen, die im Körper die Nährstoffe verarbeiten, gibt es laut Dr. Pivovarova tageszeitliche Schwankungen. Wann wir essen, hat einen Einfluss darauf, ob Energie verbraucht oder im Fettgewebe gespeichert wird, schreibt die Forscherin. Nachtesser sind benachteiligt. Schichtarbeiter haben laut der Forscherin auch dann ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und den Folgekrankheiten wie Diabetes, wenn sie die gleiche Nahrung zu sich nehmen wie die Kollegen der Tagesschicht.

Welche Zeit die Innere Uhr gerade anzeigt, erkennen die Forscher anhand der Gene, die in den Zellen aktiv sind. Die Forschergruppe am DIfE führt ihre Untersuchungen an menschlichen Blutzellen, den Monozyten, durch. Ihre Ergebnisse bestätigen, was andere Forscher in Tiermodellen herausgefunden haben. Die Ernährung kann die Innere Uhr verstellen. Die Forscher sprechen hier von „Entrainment“. Fettreiche Mahlzeiten haben dabei nach den Forschungsergebnissen von Dr. Pivovarova eine andere Wirkung als eine kohlenhydratreiche Kost. Momentan würde die wechselseitige Beziehung zwischen Energiestoffwechsel und der Inneren Uhr nur unzureichend verstanden. Es könnte jedoch Diäten geben, mit denen Schichtarbeiter ihre Innere Uhr so umstellen könnten, dass Übergewicht und Krankheiten vermieden werden, hofft die Forscherin. US-Forscher hätten beispielsweise bei Mäusen eine Gewichtszunahme verhindert, indem sie die Nahrungsaufnahme strikt auf eine achtstündige Phase beschränkten. Obwohl die Tiere die gleiche Menge fraßen wie andere Tiere, die keine Esszeiten einhalten mussten, nahmen sie nicht zu. Für die Behandlung von Übergewicht und damit verbundenen Krankheiten kann es entscheidend sein, die Nahrungszeiten mit der Inneren Uhr in Einklang zu bringen, meint Dr. Pivovarova. Sie hofft, dass ihre Forschung in Zukunft zu neuen Life-Style Konzepten führen wird.

K. Kessler, O. Pivovarova und A. F. H. Pfeiffer:
Zirkadiane Uhren und Energiestoffwechsel: Implikationen für die Gesundheit
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (14); S. 684-686