Insulin-Purging: Gefährliches "Erbrechen über die Niere"

Stuttgart, Juli 2009 – Bei jüngeren Diabetikerinnen ist das Risiko an einer Essstörung zu erkranken deutlich erhöht. Sie verzichten krankheitsbedingt häufig bewusst auf ihre Insulinspritzen um abzunehmen. Obwohl dieses Insulin-Purging Gesundheit und Leben gefährdet, sind viele Teenager aufgrund essstörungstypischen Denkweisen und einer Körperschemastörung nicht in der Lage Einsicht zu gewinnen. Eine erfolgreiche Therapie muss die psychischen Konflikte miteinbeziehen, die zur Essstörung führen und den jungen Frauen den bewussten Umgang mit ihrer Zuckerkrankheit lehren, fordern Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Der Mechanismus des Insulin-Purgings ist einfach: Ohne Insulin kommt es bei Menschen mit Diabetes mellitus zum Anstieg des Blutzuckers. Ab einer bestimmten Konzentration, der sogenannten Nierenschwelle, werden Blutzuckermoleküle und damit auch Kalorien und Flüssigkeit über die Nieren ausgeschieden. Durch das "Erbrechen über die Nieren" verlieren die Teenager rasch an Gewicht. Doch die Methode ist riskant. Wenn die Teenager nicht rechtzeitig wieder Insulin spritzen, können sie in ein tödliches Koma fallen. Aber auch Mädchen, die das Insulin-Purging technisch beherrschen, fügen ihrem Körper schwere Schäden zu, wie das Beispiel einer 19-Jährigen zeigt, die das Team um Dr. Martin Teufel von der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Tübingen über zehn Wochen stationär behandelte.

Das Mädchen litt seit dem 7. Lebensjahr an einem Typ-1-Diabetes mellitus. Vor drei Jahren war eine Essstörung aufgetreten. Seit dieser Zeit hatte die junge Frau ihr Gewicht von 70 auf 42 kg gesenkt. Dr. Teufel: Unsere Patientin hatte nicht nur extrem hohe Blutzuckerwerte, es lagen auch erste Spätschäden des Diabetes vor. Das Berührungsempfinden auf Vibrationen war herabgesetzt – ein typisches Zeichen einer diabetischen Neuropathie, der Schädigung peripherer Nerven durch einen zu hohen Blutzucker.

Essstörungen treten bei weiblichen Teenagern mit Diabetes mehr als doppelt so häufig auf wie bei anderen Mädchen, berichtet Dr. Teufel. Jungen erkranken dagegen selten. Die Gründe sieht der Experte in einer "Bahnung" der Essstörung durch die Zuckerkrankheit: Die Diagnose führt zu einer unmittelbaren Veränderung des Körpers, weil die Therapie mit Insulin den Flüssigkeitsmangel ausgleicht. Später steigt das Körpergewicht, weil Insulin die Bildung von Fettgewebe fördert. Viele Frauen mit Diabetes sind leicht übergewichtig, einige können dies nicht akzeptieren. Sie versuchen ihr Gewicht durch Diäten oder Erbrechen zu regulieren, irgendwann entdecken sie das Insulin-Purging.

Dr. Teufel interpretiert die Essstörung als eine individuelle Antwort auf den Stress der chronischen Erkrankung. Vor der Diagnose des Diabetes könnten viele Teenager ihre neurotische Entwicklung noch kompensieren. Durch den Diabetes würden diese "Coping"-Strategien oft unwirksam.

Ohne eine Therapie enden Essstörungen häufig tödlich. Dr. Teufel zufolge ist die Sterberate höher als bei Magersüchtigen ohne Diabetes, von denen insgesamt mehr als 5 Prozent sterben. Bei Mädchen mit Diabetes plus Essstörung beträgt die Sterblichkeit 35 Prozent.

Die jungen Patientinnen müssen stationär behandelt werden. In Tübingen setzen die Ärzte auf eine duale Therapie: Einerseits lernen die Patientinnen die Technik der Diabetestherapie mit regelmäßigen Blutzuckermessungen und der bedarfsgerechten Dosierung von Insulin. Für Dr. Teufel ist es wichtig, dass die Patienten die Verantwortung für ihre körperliche Gesundheit selbst übernehmen. Darüber hinaus helfen Fachärzte für Psychosomatische Medizin den jungen Frauen, ihre psychischen Konflikte, die zur Essstörung geführt haben, zu erkennen und zu verarbeiten. Die Patientinnen lernen, was eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist. Sie setzen sich mit ihrer Körperschemastörung auseinander und verarbeiten ihre Gewichtsphobie. Das 19-jährige Mädchen machte während der zehnwöchigen Therapie gute Fortschritte. Bei der Entlassung war sie in der Lage, die Therapie selbstständig durchzuführen. Ihren Blutzuckerlangzeitwert (HbA1c) hatte sie von 15,3 Prozent bei der Aufnahme auf 9,3 Prozent gesenkt und befand sich damit auf dem besten Weg in Richtung eines Normalwertes. Diabetologen halten einen HbA1c von unter 6,5 Prozent für erstrebenswert.

M. Teufel et al.:
Von der Angst, den Zucker in die Zelle zu lassen – Fall 05/2009
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (30): S. 1520

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