Integration in der Physiotherapie-Praxis

Stuttgart, Mai 2013 – Patienten aus fremden Kulturkreisen zu behandeln, ist nicht immer leicht. Sprach- und Verständigungsprobleme, Unsicherheiten im kulturellen und religiösen Umgang und der häufig ausbleibende Behandlungserfolg schrecken viele Therapeuten ab. Nicht so Alexander Winkler. Der Bonner Physiotherapeut und seine Kollegen haben sich dafür entschieden, Patienten mit Migrationshintergrund gezielt in ihre Praxis zu holen - zum beiderseitigen Vorteil. Welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Praxis an die Bedürfnisse anderer Nationalitäten anzupassen, schildert Winkler in der Fachzeitschrift physiopraxis (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013).

"Die Praxis in der ich arbeite, liegt in einem Stadtteil, in dem ein großer Teil der Bevölkerung ausländischer Herkunft ist", berichtet Alexander Winkler. "Wir erleben hier jeden Tag, wie groß das Integrationsproblem tatsächlich ist." All diese potenziellen Patienten außen vor zu lassen konnte und wollte sich das Praxisteam jedoch nicht leisten. Vor einigen Jahren beschlossen Winkler und seine Kollegen daher, konsequent daran zu arbeiten, dass sich das Verhältnis zu den ausländischen Patienten verbessert.

Zunächst ließ das Team wichtige Informationszettel in mehrere Sprachen übersetzen und habe sich für die Behandlung ein Basisvokabular in türkischer, arabischer und russischer Sprache angeeignet, berichtet Alexander Winkler. Im Wartezimmer liegen fremdsprachige Zeitungen und bebilderte Wörterbücher in den jeweiligen Sprachen aus. Diese Wörterbücher sowie Schaubilder des menschlichen Körpers nutzen die Therapeuten auch während der Behandlung.

Darüber hinaus ist es wichtig, sich zum Beispiel den unterschiedlichen Gebrauch des Wortes "Schmerz" in anderen Kulturkreisen bewusst zu machen. Hier kommt es oft zu Missverständnissen. "Im arabischen Sprachgebrauch etwa wird das gesamte Krankheitserleben als Schmerz bezeichnet", erklärt Winkler. Wer seine Praxis stärker an die Bedürfnisse von Patienten mit Migrationshintergrund anpassen möchte, sollte auch gezielt Therapeuten und Praktikanten aus den jeweiligen Kulturkreisen einstellen, rät der Bonner Physiotherapeut. Diese könnten ihr Wissen über die kulturellen und religiösen Besonderheiten an die deutschen Kollegen weitergeben und gegebenenfalls als Dolmetscher einspringen.

Das teils abweichende Gesundheitsverständnis der ausländischen Patienten sei ihm und seinen Kollegen bisweilen heute noch ein Rätsel, gesteht Alexander Winkler. "Während Mitteleuropäer Gesundheit eher funktionell und auf den Körper bezogen wahrnehmen, definieren Patienten, die aus anderen Ländern kommen, sie offenbar überwiegend auf spiritueller und auf Partizipationsebene", sagt er. Für eine erfolgreiche Therapie müsse man diese Patienten dann auch auf diesen Ebenen erreichen.

Auch wenn der Weg zur migrantenfreundlichen Praxis nicht einfach war - das Bonner Team ist froh, ihn gegangen zu sein. Der Lohn, so Winkler, sei ein gut gefüllter Terminkalender, ehrliche Dankbarkeit, freundschaftliche Beziehungen zu Menschen aus anderen Kulturkreisen und nicht zuletzt das gute Gefühl, ihnen ein offenes und fremdenfreundliches Deutschland zeigen zu können.

A. Winkler:
Hier werde ich verstanden
physiopraxis 2013; 1; S. 44-46

 
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