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    Um kulturbedingte Missverständnisse bei Notfalleinsätzen zu vermeiden, sollten Rettungskräfte mögliche Stolpersteine kennen. © Wellnhofer Designs/stock.adobe.com

     

Interkulturelle Kompetenz beugt Missverständnissen bei Notfalleinsätzen vor

fzm, Stuttgart, Juni 2021 – Ein medizinischer Notfall ist für Betroffene und Angehörige immer eine emotionale Ausnahmesituation. Umso wichtiger ist es, dass das Rettungsteam Sicherheit und Professionalität ausstrahlt, Entscheidungen sowie Untersuchungs- und Behandlungsschritte erläutert. Doch wie kann dies gut gelingen, wenn sprachliche und kulturelle Barrieren die Kommunikation erschweren? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Fortbildungsbeitrag in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Notfallmedizin up2date“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021).

Die Zahl der Notfalleinsätze, bei denen die Retter zu Menschen mit Migrationshintergrund gerufen werden, nimmt zu. Eine gemeinsame Sprache zu finden und eine stabile Kommunikation aufzubauen, ist dabei nicht immer leicht. „In Notfallsituationen müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, um unnötige Eskalationen zu vermeiden. Hierzu gehören beispielsweise nonverbale Signale wie Berührungen, Blickkontakt oder die Lautstärke, in der gesprochen wird. Diese unterscheiden sich von Kulturkreis zu Kulturkreis und können zu oftmals vermeidbaren Missverständnissen führen“, sagt Dr. phil. Carl Machado, Lehrrettungsassistent und Master in Interkultureller Kommunikation.

„Andere Länder, andere Sitten“

So gilt etwa der direkte Blickkontakt in asiatischen Kulturen oft als Zeichen von mangelndem Respekt, während Mitteleuropäer darin eher ein Zeichen von Offenheit und Ehrlichkeit sehen. Berührungen wiederum sind in den Ländern Süd- und Mittelamerikas ein normaler Bestandteil der Kommunikation, werden hierzulande aber leicht als unangemessener Annäherungsversuch gewertet. „Umgekehrt können routinemäßig durchgeführte Untersuchungen, wie das Abtasten des Bauches, in anderen Kulturen als unangebracht wahrgenommen werden und zu ungewollten Eskalationen führen“, fasst Machado seine Erfahrungen zusammen.

Freundlichkeit und Respekt in jedem Einsatz

Ein kultursensibles Vorgehen beginnt mit einem bestimmten, aber freundlichen Auftreten – dabei wirken zugewandte und konzentriert agierende Notfallmediziner deeskalierend auf emotional angespannte Situationen. „Reagieren Patientinnen und Patienten oder ihre Angehörigen am Einsatzort anders als Rettungskräfte es erwarten, ist es wichtig, besonnen zu handeln und auf ungewohnte Verhaltensweisen nicht abwehrend oder gar abwertend zu reagieren. Im Forschungsbereich der interkulturellen Kommunikation fasst man die Fähigkeit Ungewohntes zunächst aushalten zu können unter dem Begriff der Ambiguitätstoleranz zusammen“, berichtet Machado.

Vorsicht bei Tabuthemen

Kultursensibilität ist auch bei Tabuthemen gefragt. So werden in afrikanischen Kulturen Fragen nach einer möglichen HIV-Infektion, der persönlichen Hygiene oder der Verdauung als unangenehm empfunden. Wenn überhaupt, sollten solche Themen nur in einem geschützten Rahmen und von medizinischem Personal des gleichen Geschlechts angesprochen werden.

Vier-Punkte-Plan zum selbstsicheren Handeln

Um auch in Notfallsituationen mögliche interkulturelle Hürden ruhig und souverän zu nehmen, empfiehlt Machado ein vierstufiges Vorgehen:
 

  1. Die Einsatzkräfte überprüfen, wie bei jedem anderen Einsatz auch, die Situation auf ein mögliches Gefährdungspotenzial und achten auf den Eigenschutz.
  2. Es ist wichtig, eine offene Kommunikation herzustellen. Der Leiter oder die Leiterin des Einsatzes stellt sich deshalb mit Namen und Funktion vor und fragt gezielt nach, ob er oder sie verstanden wird. Ist das nicht der Fall, können meist Angehörige oder andere Menschen vor Ort beim Übersetzen helfen.
  3. Wenn es notwendig ist, den Patienten zu isolieren, um in Ruhe arbeiten zu können, sollte das den Anwesenden freundlich, aber bestimmt erklärt werden.
  4. Einsatzkräfte sollten immer versuchen „kultursensibel“ vorzugehen. Dies könnte zum Beispiel beinhalten, Familienmitgliedern, die durch andere Angehörige informiert und herbeigerufen wurden, das Wichtigste mitzuteilen. Schließlich werden, außer in den USA und weiten Teilen Europas, medizinische Entscheidungen von der ganzen Familie getroffen.
     

C. Machado:
Interkulturelles Notfallmanagement
Der 4-Punkte-Plan zum selbstsicheren Handeln
Notfallmedizin up2date 2021; 16 (2); S. 243–260

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