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    Immer und überall online – für viele Jugendliche ganz selbstverständlich. © Antonioguillem – Fotolia.com

     

Chancen und Risiken der Internetnutzung für die psychische Entwicklung Jugendlicher

fzm, Stuttgart, August 2017 – Die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen wird häufig diskutiert, sowohl im Kreis der Familie als auch in der breiten Öffentlichkeit. Erwachsene betonen dabei häufig die Gefahren: Die Entwicklung einer Internetsucht oder der mögliche Austausch in Foren mit zum Teil bedenklichen Inhalten wie Suizid oder Selbstverletzung ängstigen vor allem Eltern. Die Chancen, die das Internet mit seinen vielfältigen Kommunikationskanälen bietet, bleiben da meist unbeachtet. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017) beleuchten die Psychotherapeuten Professor Christiane Eichenberg und Professor Ulrich A. Müller neben den Risiken auch die positiven Aspekte der Internetnutzung für Heranwachsende.

Der Mensch ist ein Beziehungswesen – in dieser Hinsicht sind die digitalen Medien für die beiden Autoren zunächst einmal nur Ausdruck eines Beziehungswunsches. Gerade bei Jugendlichen sei das Bedürfnis, sich auszutauschen und Beziehungen außerhalb der Familie aufzubauen, stark ausgeprägt. Im Gegensatz dazu stehe häufig aber auch der Wunsch, körperliche Nähe zu vermeiden. „Gerade für Heranwachsende, die sich und ihren Körper in Veränderung erleben, ist körperliche Nähe oft schambesetzt und auch angstmachend“, erklären Professor Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, und der Leiter des Masterstudiengangs „Therapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ an der Hochschule Hannover, Professor Müller. Ein Medium wie das Internet, ermögliche den Aufbau von Kontakten und somit von Nähe bei gleichzeitig größtmöglicher körperlicher Distanz - für Jugendliche daher ideal.

Indem das Internet einen virtuellen Raum für Begegnungen anbietet, senkt es die Schamschwelle und ermöglicht es, den Kontakt mit anderen unverbindlich zu proben und die eigene Fantasie spielen zu lassen. Für die Autoren steht jedoch auch fest, dass der virtuelle Raum die Knüpfung sozialer Beziehungen erleichtert, körperliche Nähe auf Dauer aber nicht ersetzen kann.

Parallelen ziehen die Experten zu internetgestützten psychotherapeutischen Angeboten, die im Idealfall den Weg in eine weitergehende Behandlung ebnen, diese aber nicht ersetzen. Auf diese Weise kann auch die Teilnahme an Selbsthilfeforen ein erster niederschwelliger Schritt sein, um sich mit einem Problem auseinanderzusetzen. Im Idealfall unterstützt dieser Austausch bei der Problembewältigung oder hilft bei der Suche nach einem Therapeuten. Außerdem bieten die Foren einen geschützten Ort, an dem gesellschaftlich stark stigmatisierte Themen – wie etwa selbstdestruktive Tendenzen – ohne Tabu diskutiert werden können. Auch unsichere oder psychisch labile Menschen können im Internet Gemeinschaften finden, in die sie sich eingebunden fühlen.

„Das Internet bietet also durchaus Chancen für die Gestaltung alterstypischer Beziehungen, für die Überwindung entwicklungsspezifischer und psychischer Krisen, und kann als Übungsfeld für den Umgang mit Affekten dienen“, resümieren Eichenberg und Müller.

Dennoch müsse man auch die Probleme ernst nehmen, die eine zu intensive Mediennutzung mit sich bringe. Störungen wie eine Internet- oder Computerspielsucht müssten dringend behandelt werden. Ähnlich wie bei der Therapie einer Drogen- oder Alkoholsucht wird hier in der Regel zunächst eine Phase des kompletten Entzugs durchlaufen. Da Computer und andere elektronische Medien jedoch zum alltäglichen Leben gehören, kann hier keine vollständige Abstinenz angestrebt werden. Im Rahmen einer Therapie lernen die Betroffenen deshalb einen bewussten und angemessenen Medienumgang. Damit ihnen das gelingt, müssen sie nicht nur alternative Beschäftigungsmöglichkeiten finden, sondern auch an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten. Behandlungsmanuale und -angebote, die der etablierten kognitiven Verhaltenstherapie folgen, liegen für die Internetsucht vor, zum Beispiel an der Universitätsklinik Mainz.

C. Eichenberg und U. A. Müller:
Generation Internet: Zu den Chancen und Risiken der Internetnutzung für die psychische Entwicklung Jugendlicher
PiD Psychotherapie im Dialog 2017; 18 (2); S. 36–40