Juckreiz: Der quälende Sinn

fzm, Stuttgart, August 2014 – Jeder siebte Mensch leidet unter Juckreiz. Einer von 25 verspürt sogar dauerhaft den Drang, seine Haut mit Fingernägeln und anderen scharfen Gegenständen zu traktieren, zumeist ohne die erhoffte Linderung zu erlangen. Wie der Juckreiz, den die Ärzte Pruritus nennen, entsteht und was dagegen hilft, schildert ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014).

Dr. Attila Stephan Antal, Dermatologe an der Hautklinik der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Universität München, vergleicht den dauerhaften Juckreiz mit Schmerzen. Wie diese könne chronischer Pruritus das Allgemeinbefinden und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Nicht selten komme es zu physischer und psychischer Erschöpfung bei den Betroffenen, schreibt der Experte. Wie der Juckreiz entsteht, ist noch immer unklar. Die Pruritusforschung fristete bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts ein stiefmütterliches Dasein, beklagt Dr. Antal. Erst in den letzten Jahren wurde entdeckt, dass der Juckreiz über eigene Leitungsbahnen in den Nerven und im Rückenmark an das Gehirn gemeldet wird. „Damit ist Juckreiz ist eine eigenständige Sinneswahrnehmung“, so Dr. Antal.

Juckreiz entsteht in der Haut, wo unterschiedliche Reize auf Rezeptoren an den Nervenfasern einwirken. Die Juckreiznerven können auf thermische, mechanische, elektrische und chemische Stimulation reagieren. Auslöser können Hautkrankheiten wie die Neurodermitis oder die Schuppenflechte sein. Aber auch innere Erkrankungen wie Blut-, Leber- und Nierenerkrankungen oder Krebserkrankungen können einen quälenden Juckreiz erzeugen.

Manchmal erkennen die Ärzte die Ursache an der Art, wie die Patienten sich Linderung verschaffen. Bei Lymphdrüsenkrebs reiben und ziehen sie an der Haut, berichtet Dr. Antal, bei der Neurodermitis kratzt der Patient, bis es blutet. Aber weder Kratzen noch Reiben ist eine wirksame Behandlung. Dermatologen versuchen zunächst die Ursachen an der Haut zu beseitigen. Rückfettende Lotionen sind ein bewährtes Mittel gegen trockene Haut, die vor allem älteren Menschen oft Linderung verschafft, schreibt Dr. Antal. Auch Harnstoff könne die Hautfeuchtigkeit verbessern. Einige Salben enthalten Polidocanol, das die Hautoberfläche betäubt. Bei einer Hautentzündung helfen Salben mit Kortison oder sogenannten Calcineurinhemmern, die das Immunsystem hemmen. Eine gewisse Sonderstellung nehmen Dr. Antal zufolge Capsaicin-haltige Mittel ein. Der Wirkstoff aus der Chilischote wirkt direkt auf einen Rezeptor der Juckzreiznerven und ist ein probates Mittel, wenn der Pruritus auf bestimmte Stellen der Haut begrenzt ist.

Wenn die gesamte Haut juckt, reichen Hautmittel nicht aus. Zum Einsatz kommen dann Tabletten, die den Juckreiz von innen lindern. Oft angewendete Mittel sind Antihistaminika, die die Wirkung von Histamin blockieren. Histamin ist jedoch nicht der einzige Vermittler der Juckreizreaktion, berichtet Dr. Antal. Bei anhaltenden Beschwerden greifen die Ärzte deshalb auf Medikamente zurück, die die Verarbeitung der Juckreizsignale in Rückenmark und Gehirn beeinflussen. Dies gelingt mit Medikamenten, die zur Behandlung von Depressionen oder Psychosen eingeführt wurden, mit denen die Ärzte aber auch bei chronischem Juckreiz gute Erfahrungen gemacht haben. In besonders schweren Fällen kommen ausnahmsweise auch Medikamente zum Einsatz, die die Opiatrezeptoren im Gehirn hemmen. Viele dieser Mittel sind zur Juckreizbehandlung nicht zugelassen. Die Dermatologen lassen sich dann von Neurologen und Psychiatern beraten, die Erfahrung im Umgang mit den Mitteln haben.

Auch Sonnenlicht kann den Juckreiz lindern. Dr. Antal setzt UVB- oder UVA-Strahler vor allem bei Patienten ein, die aufgrund von Alter oder Begleiterkrankungen keine juckreizlindernden Medikamente einnehmen dürfen. In diesen Fällen sind Solariumbesuche eine nebenwirkungsarme und oft effektive Therapie.

A.S. Antal:
Chronischer Juckreiz: Eine interdisziplinäre Herausforderung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (28/29); S.1478-1481