Jugendliche und Alkohol: Neue Ansätze zur Suchtprävention

fzm – Wie Alkoholexzesse von Jugendlichen verhindert werden können, ist unter Suchtexperten umstritten. Ein Psychologe stellt in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) sein Konzept einer "Trinkschulung" für Jugendliche vor. Der Verzicht auf den Grundsatz, dass Jugendliche keinen Alkohol trinken sollen, stößt aber auf Widerspruch.

In dem Kurs "Lieber schlau als blau", den Dr. Johannes Lindenmeyer, Direktor der salus klinik Lindow an Schulen im Land Brandenburg anbietet, lernen die Schüler nicht nur, wie gefährlich der Alkoholkonsum ist, sie dürfen es auch ausprobieren. "Schüler trinken eine vorab vereinbarte Alkoholmenge, erheben den Atemalkoholwert und messen die entstandene Alkoholwirkung mithilfe PC-gestützter Leistungstests und Videoaufnahmen", erläutert der Psychologe. Wie beim Experimentieren im Chemieunterricht könnten die Jugendlichen auf dieser Weise in ihrer Peer-Gruppe, der Clique, konkrete Erfahrungen machen, wie man "richtig" trinkt.

"Insbesondere Vieltrinker mit Alkoholexzessen erfahren dabei ganz konkret, dass sie entgegen ihrer Selbstwahrnehmung zu "Anfängern" im Trinken gehören, die (noch) nicht kompetent mit Alkohol umgehen können", berichtet Dr. Lindenmeyer. Die Erfahrungen mit dem kontrollierten Alkoholkonsum werden später in der Klasse besprochen. Der Psychologe hofft, dass die Schüler auf diese Weise eigene Normen und Regeln für einen vernünftigen Umgang mit Alkohol entwickeln.

Für Elvira Surrmann von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin, kommt eine Maßnahme, die den Ausschank von Alkohol an der Schule einschließt, nicht infrage: "Alle psychoaktiven Substanzen schädigen den Körper, der sich in der Entwicklung befindet, mehr als den ausgewachsenen Körper", erklärt die Ansprechpartnerin für Suchtprophylaxe an der Berliner Schulbehörde: "Die Forderung muss also eine generelle Abstinenz aller Kinder und Jugendlichen sein." Die Ursachen für die Alkoholexzesse sieht die Expertin im erzieherischen Umfeld: "Einschlägige Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass ein riskanter Konsum psychoaktiver Substanzen mit einem Mangel an tragenden Beziehungen zu Erwachsenen verbunden ist." Gefährdet seien vor allem emotional instabile Jugendliche, die durch den Alkoholkonsum die Anerkennung erfahren, die ihnen im Elternhaus fehle. Dieser Vorteil werde von den Jugendlichen dann als wichtiger eingestuft als die Risiken, die sie durch den exzessiven Alkoholkonsum eingehen.

Die schulische Suchtprophylaxe in Berlin versucht hier gegenzusteuern. Die Angebote richten sich in erster Linie an die Lehrer. Sie sollen durch Fortbildungen und Beratungsstellen in die Lage versetzt werden, Kinder und Jugendliche mit einem Mangel an tragenden Beziehungen zu Erwachsenen zu unterstützen. Neben den Hilfsangeboten für die Pädagogen würden aber auch Unterrichtsmaterialien entwickelt und Initiativen wie der Alkoholparcours unterstützt.

J. Lindenmeyer:
Trinkschulung statt Suchtprävention bei Jugendlichen – pro
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (47): S. 2408

E. Surrmann:
Trinkschulung statt Suchtprävention bei Jugendlichen – contra
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (47): S. 2469

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