• Kühlkissen © Paavo Blåfield/ Thieme Gruppe.

    Ausgiebiges Kühlen kann die Wundheilung stören. © Paavo Blåfield/ Thieme Gruppe

     

Kälte bei Verletzungen: Es kann schaden, geschädigtes Gewebe zu kühlen

fzm, Stuttgart, Januar 2018 – Schon Kindergartenkinder wissen genau, was bei Schrammen oder Beulen zu tun ist: ein Kühlkissen auflegen. Auch im Sport gilt eine ausgiebige Kühlung als unverzichtbar, wenn es um die Erstbehandlung von Prellungen, Zerrungen oder anderen Verletzungen geht. Doch gibt es wissenschaftliche Belege, dass die Kryotherapie wirklich hilft? Nein, so der Karlsruher Physiotherapeut und Dozent Nils E. Bringeland. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018) warnt er sogar davor, geschädigtes Gewebe allzu ausgiebig zu kühlen.

Akute Sportverletzungen werden in der Regel nach der sogenannten PECH-Regel versorgt: Pause, Eis, Compression und Hochlagern gelten als wichtigste Sofortmaßnahmen, mit denen sich Schwellung und Schmerzen lindern lassen und einer Entzündung vorgebeugt werden kann. „Der Effekt der Kühlung wird dabei jedoch deutlich überschätzt“, sagt Nils E. Bringeland, der sich seit Jahren mit therapeutischen Optionen bei der Behandlung von Wunden und Narben auseinandersetzt. So habe bisher nicht nachgewiesen werden können, dass die Schwellung im Verletzungsgebiet mithilfe der Kryotherapie tatsächlich signifikant reduziert werden kann. Bei übermäßiger Kälteanwendung sei es sogar möglich, dass Lymphgefäße geschädigt werden und Wundheilungsstörungen auftreten können. In der Folge ist der Lymphabfluss gestört, und es kommt zu einer dauerhaften Schwellung.

Jede Verletzung setzt eine Entzündungskaskade in Gang, an der viele Immunzellen und ihre Botenstoffe, sogenannte Zytokine, beteiligt sind. Tatsächlich werden unter Kälteeinwirkung weniger Zytokine ausgeschüttet, und auch die Aktivierung einer Reihe von Immunzellen fällt geringer aus. Doch auch wenn Entzündungszeichen wie Rötung, Wärme und Schwellung vorübergehend unterdrückt werden, fördert das nicht zwangsläufig auch die Wundheilung. Im Gegenteil: „Die Immunzellen leisten wichtige Aufräumarbeiten, die zu einer physiologischen Wundheilung gehören“, sagt Bringeland. Sie wehren nicht nur Bakterien ab, sondern beseitigen auch geschädigtes Gewebe. Diese in der Evolution bewährten Mechanismen zu unterdrücken, sei daher nicht sinnvoll.

Auch in seiner Funktion als Narbentherapeut sieht Bringeland die oft routinemäßige Anwendung der Kryotherapie kritisch. Denn häufig werde die Kälte genutzt, um die Beweglichkeit des verletzten Bereichs wiederherzustellen, um so den Patienten schneller mobilisieren zu können. Dahinter stehe unter Umständen die Annahme, dass die verbesserte Beweglichkeit auf einen Rückgang der Schwellung zurückzuführen ist. Tatsächlich werde aber nur das Schmerzempfinden gedämpft, ist Bringeland überzeugt. Das Gewebe selbst verliere durch die Kälteeinwirkung sogar an Elastizität und werde weniger beweglich. „In der Folge nimmt die mechanische Belastung im Wundgebiet zu“, sagt er und warnt vor Spätfolgen wie wulstigen (hypertrophen) oder verhärteten (sklerotischen) Narben.

Für Bringeland ist dies Grund genug, auf die Kühlung von Verletzungen weitgehend zu verzichten – zumal es Alternativen gibt. Statt zum Eisbeutel zu greifen, könnten auch physiotherapeutische Techniken wie Lymphdrainage oder myofasziales Release Schwellung und Schmerzen lindern. Letzteres setzt auf das Aufspüren von Verhärtungen im Bindegewebe, die der Therapeut mit gezielten Griffen löst. Oft helfe es auch, den Patienten die Entstehung und die Funktion von Schmerzen zu erklären. Der Einsatz von Schmerzmitteln sei nicht völlig tabu, sollte aber auf ein Minimum begrenzt bleiben. Und nicht zuletzt sei auch eine Wärmebehandlung, sogar schon sehr früh nach der Verletzung, eine denkbare Alternative: Von Infrarot-A-Strahlung etwa sei bekannt, dass sie die Wundheilung fördert.

Menschen ohne medizinischen Hintergrund können bei Verletzungen aber auch selbst aktiv werden: Einfach mit einer Mullbinde und einer Kompresse das verletzte Gebiet mit etwas Druck umwickeln. Dann, bei leichteren Verletzungen, auch immer wieder bewegen, wenn auch vorsichtig. Sollte die Haut intakt sein, kann man die Mullbinde auch befeuchten; das kühlt zumindest etwas und tut oft gut, es wird aber nicht so kalt, dass eine Schädigung auftreten könnte.

Nils E. Bringeland beschäftigt sich seit Langem mit therapeutischen Interventionen zur Wundbehandlung und Narbentherapie. Unter www.narbentherapie.de fasst er seine Erfahrungen für Therapeuten und Patienten zusammen.

N. E. Bringeland
Mythos Kryotherapie: Väterchen Frost kann in Rente gehen
physiopraxis 2018; 16 (1); S. 36–38

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