Experte: Kinder bekommen zu oft Antibiotika

fzm – Fast jedes zweite Kind unter zehn Jahren erhält in Deutschland beim Arztbesuch ein Antibiotikum verschrieben, und dies oft ohne zwingenden medizinischen Grund. Eine Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) ergab, das Hausärzte häufiger als Kinderärzte unnötig zum Rezeptblock greifen. Dabei fördert die häufige Einnahme von Antibiotika, dass sich resistente Keime ausbreiten und vermutlich auch, dass bei Kindern vermehrt Allergien auftreten.

In Hessen erhielten im Jahr 2006 insgesamt 42 Prozent aller bei der AOK versicherten Kinder und Jugendlichen mindestens einmal ein Antibiotikum verordnet. In der Altersgruppe der Zwei- bis Vierjährigen waren es sogar 60 Prozent, berichtet Dr. Sascha Abbas von der “PMV forschungsgruppe” an der Universität Köln, die eine Stichprobe von 47 000 Versicherten ausgewertet hat. Die Antibiotika wurden in vier von fünf Fällen von einem Kinder- oder einem Hausarzt verordnet. Diese Arztgruppen sind in Deutschland die erste Anlaufstelle für kranke Kinder.

Die Mediziner verschreiben die Antibiotika nicht nur zur Behandlung von eindeutig von Bakterien ausgelösten Erkrankungen wie Scharlach, Lungenentzündung oder einer eitrigen Mittelohrentzündung. Hier ist der Einsatz von Antibiotika sinnvoll. Der häufigste Anlass für die Verordnung waren akute Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Sie werden zu 90 Prozent von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Da aber Bakterien als Ursache nicht von vornherein ausgeschlossen werden können, verordnen viele Ärzte “vorsichtshalber” ein Antibiotikum.

Neben den Atemwegsinfektionen gehören auch Harnwegsinfektionen und eine nicht-eitrige Mittelohrentzündung zu den Erkrankungen, in denen Antibiotika nicht zwingend erforderlich sind. In allen drei Diagnosen wurden Antibiotika von Hausärzten zu etwa 40 Prozent häufiger verordnet als von Kinderärzten. Die Gründe sind vielfältig, vermutet Dr. Abbas, der die Ärzte selbst nicht nach ihren Beweggründen befragt hat. Kinderärzte hätten möglicherweise eine größere Erfahrung und seien in unklaren Fällen eher bereit, auf Antibiotika zu verzichten. Dafür spreche, dass Kinderärzte häufiger Tests durchführen lassen, um eine bakteriologische Infektion zu beweisen. Aber auch die Pädiater verordneten bei 30 Prozent der Atemwegsinfektionen, bei 59 Prozent der Blasen- und Harnwegsinfekte und bei 52 Prozent der nicht-eitrigen Mittelohrentzündungen ein Antibiotikum.

Ein weiterer Grund für den zu häufigen Einsatz von Antibiotika könnte nach Einschätzung von Dr. Abbas die Erwartungshaltung vieler Eltern sein. Studien haben laut Dr. Abbas gezeigt, dass vor allem Eltern mit geringem Sozialstatus und niedrigem Bildungsniveau die Verordnung eines Antibiotikums erwarten.

Der häufige Einsatz von Antibiotika begünstigt nicht nur die Ausbreitung resistenter Keime, die die Behandlung von schweren Infektionen immer schwieriger machen, warnt Professor Winfrid Kern, Infektionsexperte an der Universität Freiburg. Eine weitere Folge der zu intensiven Antibiotikabehandlung im Kindesalter seien vermehrte Allergien. Wissenschaftlich sei dies nicht im Detail geklärt, doch viele Befunde sprächen für einen Zusammenhang und nur wenige dagegen.

Trotz des häufigen Einsatzes von Antibiotika liegt Deutschland in Europa im Mittelfeld. In Frankreich würden Antibiotika, wenn auch mit rückläufiger Tendenz deutlich häufiger eingesetzt, berichtet Professor Kern. Vorbildlich seien die Niederlande und die Schweiz. Auch in Deutschland gebe es regionale Unterschiede. Spitzenreiter in der Verschreibung sind die westlichen Regionen. Nahezu vorbildlich würden dagegen Ärzte in den neuen Bundesländern verordnen.

Für Professor Kern sind nicht die Eltern, sondern die Ärzte verantwortlich für den zu häufigen Einsatz von Antibiotika. Wir müssen den Einsatz bei Atemwegsinfektionen viel mehr hinterfragen, fordert der Mediziner. Und man müsse mit den Eltern über das Thema reden. In einer Studie aus Nordrhein-Westfalen konnte dem Experten zufolge der Einsatz von Antibiotika bei der Bronchitis durch Hausärzte um 40 bis 60 Prozent gesenkt werden. Professor Kern: Notwendig sind nicht in erster Linie zusätzliche Tests, sondern eine verbesserte Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

S. Abbas et al.:
Unterschiede im Verschreibungsverhalten von Antibiotika bei Allgemein- und Kinderärzten in Hessen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (37): S. 1792-1797

W. V. Kern:
Antibiotikaverordnung – wer, wo, was, wie?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (37): S. 1791

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!