Kinder mit taktiler Wahrnehmungsstörung: Therapie mit Tonmonster und Schnappsack

fzm – Wenn ein Kind auffallend unruhig ist, Schwierigkeiten im sozialen Miteinander hat oder gegenüber Berührungsreizen überempfindlich ist, leidet es womöglich an einer sensorischen Integrationsstörung: Es kann die Sinneseindrücke, die auf es einströmen, nicht Manche Kinder lehnen daher auch körperliche Nähe ab. Wie man sich dennoch einen Weg zu diesen Kindern bahnen und ihre Probleme therapeutisch angehen kann, beschreibt die Karlstädter Ergotherapeutin Ulrike Marten-Öchsner in der Fachzeitschrift "ergopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Marten-Öchsner beschreibt die Möglichkeiten der Ergotherapie anhand eines Fallbeispiels aus ihrer eigenen Praxis: Die zweijährige Paula kam zur Behandlung einer sensomotorischen Störung zu ihr und wurde von ihren Eltern als waches und aktives, aber auch sehr anstrengendes Kind beschrieben. Grenzen oder ein "Nein" konnte Paula nur sehr schwer akzeptieren, und auch im Spiel mit anderen Kindern verhielt sie sich auffällig. "Wenn soziale Situationen nicht nach ihren Erwartungen abliefen, reagierte sie oft mit Beißen, Kneifen oder Stoßen", schildert Ulrike Marten-Öchsner das Verhalten der kleinen Patientin. Auch schien Paula selbst nicht zu bemerken, dass sie im spielerischen Miteinander sehr grob zur Sache ging.

Bei Paula ist hauptsächlich das taktile Wahrnehmungssystem von der Integrationsstörung betroffen. Da das Kind sich gern bewegt, wählt Marten-Öchsner für die erste Behandlung das Trampolin, kombiniert mit einem großen bunten Sitzsack, auf dem Paula nach einigen Sprüngen landen soll. "Paula erhält auf diese Weise linear vestibuläre und propriozeptive Informationen", erläutert die Therapeutin. Nach der von der amerikanischen Psychologin und Ergotherapeutin Jean Ayres begründeten Sensorischen Integrationstherapie (SI) wirken starke propriozeptive Reize modulierend auf das taktile System und verringern die Berührungsempfindlichkeit. Sobald Paula mit dem Ablauf von Sprung und Landung und den damit verbundenen sensorischen Informationen gut klarkommt, verändert die Therapeutin die Situation: Der Landesack wird zum "Schnappsack", der Paula nach der Landung sanft festhält. Dazu klappt die erfahrene Ergotherapeutin die Enden des Sacks über dem Kind zusammen und formt so einen engen, weichen Tunnel, aus dem sich Paula herausarbeiten muss. So versucht Ulrike Marten-Öchsner, die Berührungsempfindlichkeit des Kindes zu verringern.

Ein anderer Weg, um propriozeptive und Berührungsreize therapeutisch zu verknüpfen, ist das Arbeiten mit Ton. Paula reagiert aufgrund ihrer taktilen Modulationsstörung oft grob oder hektisch auf feucht-glitschige Materialien. Die hierbei entstehenden, intensiven Hautreize können nach der Theorie der SI umso besser verarbeitet werden, je höher das Maß an Eigenaktivität und Propriozeption ist. Das macht sich die Therapeutin zunutze und spielt mit Paula das "Ton-Monster-Spiel": Gemeinsam reißen sie Ton ab, schlagen ihn und formen ein einfaches Monster. Da das Monster sehr hungrig ist, versorgen sie es mit Nahrung. Dazu reißen sie kleine Tonklumpen ab und verteilen sie auf dem Tisch. Das Monster hüpft nun von einem Tonklumpen zum anderen, wobei Paula es jeweils kräftig auf den Tisch schlägt. Dadurch bleiben die kleinen Tonstücke am Monster kleben – es frisst. "Gegen Ende der Behandlung konnte ich auch deutlich nasseren Ton einsetzen", berichtet Ulrike Marten-Öchsner. Das Ziel, dass Paula sich mit feucht-glitschigen Materialien auseinandersetzt und angemessen darauf reagiert, war somit erreicht.

Diese und andere Spiele, die Paula unterschiedlichsten Berührungsreizen aussetzten – etwa auch ein Ganzkörperbad in Kirschsteinen – führten innerhalb weniger Monate zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Wahrnehmungsstörung. "Bereits nach zehn bis zwölf Therapieeinheiten habe ich von den Eltern und vom Kindergarten positive Rückmeldungen erhalten", freut sich die Therapeutin. Paula scheint eindeutig von der SI-Therapie zu profitieren: Besonders der Kindergarten berichtet, dass ihr Verhalten in der Kleinkindgruppe jetzt dem der anderen Kinder gleichzusetzen ist.

U. Marten-Öchsner:
Berührungen richtig wahrnehmen lernen.
ergopraxis 2010; 3 (2): S. 20-23

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