Chancen und Risiken der Kinderwunschbehandlung: Webseiten deutscher Behandlungszentren informieren unzureichend

fzm, Stuttgart, Februar 2016 – Die meisten reproduktionsmedizinischen Zentren, die eine künstliche Befruchtung zur Erfüllung eines Kindeswunsches anbieten, geben im Internet nur ungenaue Informationen zu den Erfolgen und Risiken ihrer Behandlungsangebote. Dies ergab eine Studie in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015).

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch können sich in Deutschland an 129 Zentren wenden, die In-vitro-Fertilisation (IVF) und andere Methoden zur künstlichen Befruchtung anbieten. Praktisch alle Zentren verfügen über einen Internetauftritt, der über die Kinderwunschbehandlung informiert. 80 Zentren, also mehr als die Hälfte, macht dort Angaben zur Erfolgsquote der Behandlung. 60 davon nennen jedoch nur die Schwangerschaftsrate. Lediglich 20 Zentren gaben die Geburtenrate, die auch als Baby-take-Home-Rate bezeichnet wird, an. Nur zehn davon gaben die Rate des Zentrums und nicht nur einen allgemeinen Durchschnittswert an, wie Dr. Selma Kadi vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen bei einer Analyse der Webauftritte herausgefunden hat.

Da nicht jede Schwangerschaft zur Geburt eines lebenden Kindes führt, ist die Baby-take-Home-Rate naturgemäß niedriger als die Schwangerschaftsrate, schreibt die Soziologin. Für die Frau sei die Geburtenrate aber die entscheidende Angabe, um ein informiertes Einverständnis zu der Behandlung abgeben zu können. „Paare können sich auf den Websites der deutschen IVF-Zentren zudem nur unzureichend über Risiken und Nebenwirkungen informieren“, erklärt die Soziologin.

Bei weniger als der Hälfte der Zentren fand Dr. Kadi Hinweise auf das Risiko eines ovariellen Überstimulationssyndroms. Es wird durch die Gabe von Hormonen ausgelöst, die die Reifung von Eizellen fördern sollen, aber auch zu Beschwerden bis hin zu Durchblutungsstörungen führen können. Auch auf die Möglichkeit von Mehrlingsschwangerschaften wiesen nur 53 Zentren hin, lediglich 25 Zentren erwähnten ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko, 23 die operativen Risiken der Eizellentnahme und nur 21 die Gefahr einer Eileiterschwangerschaft. „Auf die häufig vorkommenden psychischen Belastungen nach einer erfolglosen Behandlung machten nur sechs Zentren aufmerksam“, kritisiert Dr. Kadi weiter.

Die Forscherin verweist darauf, dass in den USA IVF-Zentren ihre eigenen Erfolgsquoten publizieren müssen. In Großbritannien sind sie sogar dazu angehalten, ihre Ergebnisse mit dem nationalen Durchschnitt zu vergleichen. „In Deutschland finden sich weder derartige Richtlinien, noch findet eine Diskussion über die für Patientinnen notwendigen Informationen statt“, bemängelt Dr. Kadi. Verbindliche Richtlinien für die Webauftritte von IVF-Zentren und deren konsequente Umsetzung seien jedoch wichtige Schritte hin zu einer besseren Aufklärung der Patientinnen, so die Forscherin.

S. Kadi und U. Wiesing:
Entscheidung ohne Information? Die Darstellung von Erfolg und Misserfolg der IVF und angrenzender Methoden auf den Websites deutscher IVF-Zentren
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2015; 75 (12); S.1258−1263