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    Oft fürchten junge Kopfschmerzpatienten den Anforderungen der Schule nicht mehr gerecht werden zu können. © Moritz Wussow – Fotolia.com

     

Kopfschmerz bei Kindern: Nicht nur ein körperliches Phänomen

fzm, Stuttgart, März 2017 – Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahlen des kürzlich veröffentlichten Arztreports 2017 der Krankenkasse Barmer belegen einen deutlichen Anstieg der ärztlichen Diagnosen in den letzten Jahren. Besonders wenn die Schmerzen oft wiederkehren, kann das gravierende Folgen haben: Die Betroffenen vernachlässigen Freunde, Schule und Hobbies und ziehen sich mehr und mehr zurück. Wie die Psychotherapie dabei helfen kann, den Kopfschmerz in den Griff zu bekommen, schildert ein Beitrag in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016). Die Psychologen Britta Zepp und Dr. Michael Dobe vom Deutschen Kinderschmerzzentrum der Universität Witten/Herdecke geben einen Überblick über verschiedene Kopfschmerzarten im Kindesalter und die jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten.

Meist sind es Migräneschmerzen oder sporadische Spannungskopfschmerzen, unter denen die Kinder leiden. Erst dann, wenn die Schmerzen mindestens drei Monate lang an mindestens der Hälfte aller Tage auftreten, sprechen die Ärzte von chronischem Kopfschmerz. In der Regel handelt es sich um primäre Kopfschmerzen, das heißt, die Beschwerden treten selbstständig und nicht als Folge einer anderen Erkrankung auf. Dennoch suchen viele Eltern und junge Patienten intensiv nach einer „greifbaren“ Erklärung für das Leiden. Dies führt jedoch leicht in einen Teufelskreis: Selbst kleinste körperliche Regungen werden beobachtet und analysiert, vermeintliche Frühwarnzeichen für die nächste Schmerzattacke gefunden. Angst und Anspannung lösen dann tatsächlich den nächsten Schmerzschub aus.

Für das Verständnis der Schmerzstörung müssen daher immer sowohl biologische und psychologische Faktoren als auch der soziale Kontext einbezogen werden. „Psychische und psychosoziale Einflüsse spielen in der Behandlung daher eine wichtige Rolle“ sagen Zepp und Dobe. Insebsondere versuchten viele Kinder und Jugendliche, ihre Schmerzen passiv zu bewältigen: Aus Angst vor dem Schmerz ziehen sie sich zurück und bleiben häufig der Schule und Freizeitaktivitäten fern. Hier setzt die psychotherapeutische Behandlung an: So profitierten die Betroffenen von Ablenkungstechniken – wie etwa dem „Ablenkungs-ABC“, bei dem die Patienten in Gedanken zu jedem Buchstaben des Alphabets Tiere oder Reimwörter finden müssen. Darüber hinaus bestärke sie die Therapie darin, körperlich aktiv zu sein und Kontakte zu pflegen.

Am Beispiel einer jungen Patientin zeigen die beiden Experten wie Psychologen und Psychotherapeuten konkret helfen können. Aufgrund von Dauerkopfschmerz und Migräneattacken hatte das Mädchen bereits ihre sportlichen Aktivitäten aufgegeben. Zudem befürchtete sie, den Anforderungen der Schule nicht mehr gerecht werden zu können. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie lernte sie, körperliche Signale als weniger bedrohlich anzusehen und nicht in ständiger Angst vor dem Schmerz zu leben. In Gesprächen, aber auch durch Informationsfilme und -bücher wurde ihr klar, dass negative Gedanken und Gefühle dazu beitragen, die Schmerzen aufrechtzuerhalten. Im Zuge dessen setzte sich die junge Patientin auch gezielt angstbesetzten Situationen aus. „So schaffte sie es, nicht nur ihre Angst vor dem Schmerz, sondern auch ihre Schüchternheit zu überwinden“, erläutert Britta Zepp. Im beschriebenen Fall habe die Therapie es der jungen Patientin ermöglicht, ihre Schmerzen zunehmend im Griff zu haben und ihre Freizeitaktivitäten allmählich wieder aufzunehmen.

Zudem erhielt die Patientin Medikamente, die sie gezielt gegen die Migräne Attacken einsetzen lernte. Die Autoren warnen jedoch vor einem übermäßigen Einsatz von Schmerzmitteln. Mitunter könne das zu einem sogenannten „medikamenteninduzierten Kopfschmerz“ führen. In diesen Fällen tragen die Schmerzmittel letztlich dazu bei, die Schmerzschwelle so weit zu senken, dass Beschwerden, die früher vom Körper als normal bewertet wurden, bereits als schmerzhaft wahrgenommen werden.

B. Zepp und M. Dobe:
Chronische (Kopf-)Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen
PiD Psychotherapie im Dialog 2016; 17 (4); S. 39–41