Kliniken und die Behandlungsqualität: Studie zeigt strukturellen Verbesserungsbedarf in der Krankenhausversorgung

Stuttgart, August 2012 – Einige Operationen und Behandlungen werden in Deutschland an manchen Krankenhäusern nur selten durchgeführt. Darunter sind auch Eingriffe, deren Gelingen nachweislich an die Erfahrungen durch höhere Fallzahlen gebunden ist. Dies geht aus einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) hervor. Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Sterberaten für manche Erkrankungen an deutschen Kliniken sehr unterschiedlich sind.

Magenentfernungen, die zum Beispiel bei Krebserkrankungen notwendig werden, wurden von einem Viertel der deutschen Kliniken innerhalb eines Jahres nur ein bis viermal durchgeführt. Bei Entfernungen der Harnblase liegt dieses untere Quartil nur bei fünf Operationen pro Jahr. Selbst bei häufigeren Krankheiten wie beispielsweise dem Herzinfarkt brachte es im Untersuchungszeitraum 2010 ein Viertel der Kliniken nur auf bis zu 36 Behandlungen. Diese niedrigen Fallzahlen reichen in der Regel nicht aus, um die Vorhaltung einer spezifischen, für die Infarktbehandlung an sich notwendigen, Linksherzkatheter-Notfallversorgung zu rechtfertigen, berichten Ulrike Nimptsch und Professor Dr. Thomas Mansky vom Fachgebiet Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Das Team hat die Daten aller 17,43 Millionen Krankenhausaufenthalte des Jahres 2010, die nach dem so genannten DRG-System mit den Krankenkassen abgerechnet werden, mit einem Qualitäts-Messinstrument ausgewertet. Diese German Inpatient Quality Indicators (G-IQI), haben sich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt.  

Bei einigen Erkrankungen erreichen viele Kliniken nicht die von den Fachgesellschaften geforderten Mindestraten. Dies ist nach der Studie beispielsweise beim Brustkrebsoperationen der Fall, wo die untere Quartilgrenze bei zehn Fällen im Jahr liegt. Bei „komplexen Eingriffen am Ösophagus“, gemeint sind zumeist Tumoroperationen an der Speiseröhre, erreichen laut dieser Studie 302 von 429 Krankenhäusern, die diese Operation durchführen, die Mindestmenge von zehn Fällen pro Jahr nicht.  

Auch in der Behandlung von Frühgeburten sehen die Experten strukturelle Mängel in der Krankenhausversorgung: 216 von 364 behandelnden Kliniken in Deutschland behandeln 13 oder weniger Neugeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm. Sie liegen damit unter der gesetzlichen, derzeit jedoch außer Kraft gesetzten Mindestmengenregelung.  

Auch bei der Sterberate gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken. Im Viertel der Kliniken mit den höchsten Raten starben mehr als 14,5 Prozent der Patienten, die aufgrund eines Herzinfarkts behandelt wurden. Im unteren Quartil waren es bis zu 7,2 Prozent. Große Unterschiede registrierten die Autoren auch beim Schlaganfall und bei Darmkrebsoperationen. Sie können aufgrund ihres Studiendesigns zwar keine Beziehung zwischen Kliniken mit einer hohen Sterblichkeit und geringen Fallzahlen herstellen. Sie verweisen aber auf Studien, die dies belegt haben.  

Die Studie darf aus Datenschutzgründen keine einzelnen Kliniken auswerten. Auch statistisch ist es aber schwierig, einzelne Kliniken zu ermitteln, die durch das Qualitätsraster fallen. Eine statistische Auswertung hat bei niedrigen Fallzahlen immer eine große zufällige Streubreite, erläutern Nimptsch und Mansky. Selbst scheinbar deutlich erhöhte Sterblichkeiten seien dann meist nicht signifikant, sprich beweisend. Die externe Messung nach dem G-IQI System sei aus diesem Grund vorwiegend für die Identifikation von hervorragenden Kompetenzzentren geeignet und weniger für einen justiziablen Nachweis unterdurchschnittlicher Leistungen. Die klinikinterne Messung der Indikatoren diene jedoch einem anderen Zweck: Die Kennzahlen lieferten den einzelnen Kliniken Verdachtsmomente, die dann auf Einzelfallebene im Peer-Review-Verfahren geprüft werden könnten.  

Trotz der ermittelten strukturellen Defizite stufen die Autoren die Versorgungsqualität in Deutschland als sehr gut ein. Der offene Umgang mit den Defiziten könnte dazu führen, dass sich die Leistungen der einzelnen Kliniken und somit die Versorgung der Bevölkerung insgesamt weiter verbessern.  

U. Nimptsch, T. Mansky:
Krankheitsspezifische Versorgungsmerkmale in Deutschland: Analyse anhand der Bundesauswertung der German Inpatient Quality Indicators (G-IQI).
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137 (28/29): S. 1449-1457
  
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