Mangelnde Krankheitseinsicht bei Alzheimerpatienten

Stuttgart, März 2009 – Einsicht ist der erste Weg zur Besserung – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Und tatsächlich ist es bei vielen psychischen Störungen wichtig, sich der eigenen Probleme gewahr zu sein. Beispielsweise kann einem Süchtigen nur dann effektiv geholfen werden, wenn er sich seiner Sucht bewusst ist. Ohne Krankheitseinsicht ist kein Therapiefortschritt möglich. Das gilt auch für Demenz- und Alzheimererkrankungen. Wie die Psychologin Hanna Leicht von der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig nun zeigt, mangelt es vielen Alzheimerpatienten an Krankheitseinsicht. Dadurch schaden sie sich selbst, belasten ihre Angehörigen und verhindern eine adäquate Behandlung ihres Leidens.

In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) schreibt Leicht, dass Demenzkranke ihre Defizite häufig bagatellisieren oder verleugnen. "Dies kann maßgebliche Auswirkungen auf das Verhalten der Patienten haben und so auch ihre Sicherheit gefährden, wenn Patienten zum Beispiel trotz mangelnder Fähigkeit weiter Auto fahren oder trotz Desorientiertheit allein ihre Wohnung verlassen."

Leicht hat 55 experimentelle Studien ausgewertet, die sich mit dem Thema Krankheitseinsicht befassen. Ihr Fazit: Viele Alzheimerpatienten verkennen ihren Zustand. Die mangelnde Einsicht hat psychische und neurologische Gründe. "Neurokognitive Erklärungsansätze sehen in der fehlenden Krankheitseinsicht eine durch Hirnschädigung bedingte Störung der kognitiven Mechanismen, die eine gesunde Selbsteinschätzung gewährleisten", so Leicht. Bei Demenzkranken mit geringer Krankheitseinsicht sei eine verringerte Durchblutung von Arealen im Frontalhirn feststellbar. Neueste Analysen mittels Hirnscan hätten zudem gezeigt, dass eine Beeinträchtigung bestimmter Kortexregionen – etwa der des Gyrus Cinguli – für eine verzerrte Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit verantwortlich seien. Neben diesen neurologischen Gründen würden Demenzpatienten ihre Gedächtnisprobleme bewusst herunterspielen – dies sei vor allem in frühen Stadien der Krankheit zu beobachten. Psychische und neurologische Ursachen ließen sich nur schwer trennen, so Leicht.

Wie die von Leicht ausgewerteten Untersuchungen zeigen, erschwert mangelnde Krankheitseinsicht zwar die Therapie von Demenzkranken. Dennoch erweist sich die fehlende Krankheitseinsicht als notwendiger Selbstschutz. So leiden Patienten mit fehlender Einsicht seltener unter Angstsymptomen als jene Betroffene, die sich ihrer Situation vollkommen bewusst sind. Umgekehrt zeigen Alzheimerpatienten mit erhaltener Krankheitseinsicht verstärkt depressive Symptome. Die fehlende Krankheitseinsicht scheint somit eine psychische Funktion zu haben: Sie schützt die Patienten davor, in Angst und Depression zu versinken. Dennoch wirke sie sich langfristig negativ aus, weil sie die Therapiemotivation verringere, so Leicht.

Um die Krankheitseinsicht zu messen, müssen Demenzkranke beispielsweise einen Gedächtnistest absolvieren und im Anschluss daran ihre Leistung selbst einschätzen. Weichen die tatsächliche und die geschätzte Leistung im Test stark voneinander ab, so deutet diese Diskrepanz auf eine mangelnde Krankheitseinsicht hin. Allerdings ist es schwer, zu verlässlichen Aussagen zu kommen, weil auch gesunde Menschen ihre Leistungsfähigkeit häufig falsch einschätzen.

H. Leicht, H.-J. Gertz:
Methoden zur Erfassung von Krankheitseinsicht bei Alzheimerdemenz.
Psychiatrische Praxis 2009; 36 (2): S. 58-66

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