Krebs – eine Krankheit, zwei Betroffene

Stuttgart, Juli 2010 – „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie Krebs haben.“ Das sagen deutsche Ärzte rund 450 000 Mal im Jahr zu ihren Patienten. So oft wird hierzulande die Diagnose „Krebs“ gestellt. Kaum eine Erkrankung löst so viele Ängste und psychische Belastungen aus wie eine Tumorerkrankung – und das, obwohl sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Dekaden deutlich verbessert haben. Krebs bleibt jedoch eine schwere chronische Krankheit, die gut oder schlecht enden kann. Wie Experten für psychosomatische Erkrankungen nun in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) herausfanden, ist die Diagnose Krebs nicht nur für die Erkrankten ein schwerer Schock, sondern auch für ihre Lebenspartner.

In ihrer Untersuchung werteten die Mediziner Volker Köllner, Peter Joraschky und Tabea Röder von der Fachklinik für Psychosomatische Medizin in Blieskastel Fragebögen von 226 Patienten und ihren Partnern aus. Das Ergebnis: Während 16 Prozent der Krebspatienten klinisch auffällige Angstwerte aufweisen, leiden sogar 29 Prozent ihrer Partner unter Ängsten. Bei „Depression“ liegen Patient und Partner in etwa gleichauf – jeder Zehnte hat erhöhte Depressivitätswerte. Das zeigt: Angst und Depression, die mit einer Krebserkrankung einhergehen, treten häufig beim Erkrankten und bei dessen Partner gleichermaßen auf. Die Leiden des Kranken übertragen sich buchstäblich auf sein engstes Umfeld.

Die psychische Belastung für enge Angehörige ist demnach genauso hoch oder höher als für die Betroffenen selbst. Dies deckt sich, so Köllner, mit älteren Befunden aus der Mitte der 90er Jahre. Damals fanden Wissenschaftler heraus, dass 20 bis 30 Prozent der Angehörigen von Krebspatienten unter psychischen Schwierigkeiten und Beziehungsstörungen leiden. Doch die Forschung hat sich seither nicht weiter um diesen alarmierenden Befund gekümmert – und kaum etwas unternommen, um die seelischen Nöte von Angehörigen zu erforschen. Das ist nach Ansicht von Köllner insofern unverständlich, als dass die Partner von krebskranken Menschen zum Teil stärker unter psychosomatischen Beschwerden leiden als die eigentlich Erkrankten.

Es sei wichtig, so Köllner, die Partner von krebskranken Menschen „auf der psychischen Ebene zu stärken“. Außerdem könne es sinnvoll sein, sowohl den Patienten als auch seinen Partner psychotherapeutisch zu betreuen. Das aber setzt die Einsicht voraus, dass die Krankheit nicht nur bei den Betroffenen eine seelische Krise auslösen kann, sondern auch bei den Angehörigen und Lebenspartnern. Ob sich die Symptom-Ausprägung von dem Patienten auf den Partner überträgt oder umgekehrt, lässt sich in der hier durchgeführten Querschnittstudie nicht nachvollziehen“, resümiert Köllner: „Wahrscheinlich ist aber eine wechselseitige Beeinflussung.“

Die Wissenschaftler erfassten in ihrer Untersuchung die krankheitsbezogenen Bewältigungsstrategien, das Auftreten psychischer Symptome wie Angst und Depression und das Kommunikationsverhalten der Partner. Wie die Auswertung der Daten ergab, bedingt das Verhalten des Patienten dasjenige des Partners – und umgekehrt. Gelingt es dem Partner eines Erkrankten nicht, die Krankheit „Krebs“ anzunehmen und gedanklich damit umzugehen, dann schlagen auch die Bewältigungsstrategien des Patienten fehl. Genauso gilt: Gelingt dem Patienten keine gute Krankheitsbewältigung, dann begünstigt dies eine psychische Erkrankung seines Partners.

T. Röder et al.:
Die Rolle der Partner bei der Bewältigung einer Tumorerkrankung.
PiD Psychotherapie im Dialog 2010; 11 (2): S. 175-178

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