Krebs: Bluttests könnten neue Perspektiven in der Früherkennung bieten

fzm, Stuttgart, Oktober 2015 – Ein Bluttest wäre für die meisten Menschen angenehmer als eine Darmspiegelung oder eine Mammographie. Beim Prostatakrebs gibt es diese Variante der Früherkennung bereits. Experten rechnen in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) damit, dass weitere Tumormarkertests hinzukommen.

Viele Krebstumore geben Substanzen ans Blut ab, die mit einem Bluttest erkannt werden können. Beim Krebs der Vorsteherdrüse ist dies das Prostata-spezifische Antigen. Doch der PSA-Test ist derzeit nicht ideal, erläutert Dr. Annabel Spek, Assistenzärztin an der Urologischen Klinik und Poliklinik des Kinikums der Universität München. Der Grund: PSA wird auch von gesunden Drüsenzellen abgegeben. Bei einer gutartigen Vergrößerung der Prostata oder durch die Einnahme von Medikamenten kann es zum Anstieg des PSA kommen. Einen Grenzwert, ab dem sicher ein Krebs vorliegt, gibt es laut Dr. Spek nicht.

Günstiger als PSA wäre ein Tumormarker, der ausschließlich von Krebszellen, nicht aber vom gesunden Gewebe gebildet wird. Hier gibt es bereit aussichtsreiche Kandidaten, die Dr. Dominik Paul Modest vom Klinikum der Universität München vorstellt. Untersucht werden derzeit MicroRNA. Das sind kurze Steuergene, die den Stoffwechsel der Krebszellen regulieren. Auch Antikörper, die das Immunsystem gegen Bestandteile von Krebszellen bildet, könnten sich zur Früherkennung eignen. Ebenso Tests, die zellfreie DNA von Tumorzellen nachweisen. Die größte Erwartung setzt die Forschung derzeit in Exosomen: kleine Membrankügelchen, die sich von den Tumorzellen abschnüren und dann im Blut nachweisbar sind. „Kürzlich konnte gezeigt werden, dass diese Exosomen bei Krebserkrankungen der Bauchspeicheldrüse, für die es bisher keine Früherkennung gibt, sehr früh im Blut nachweisbar sind“, so Dr. Modest.

Auch für den Darmkrebs könnte ein Bluttest nützlich sein. Bei diesem Krebs gibt es zwar mit der Darmspiegelung eine effektive Früherkennung. Sie ist jedoch in der Bevölkerung nicht sehr beliebt. Professor Frank Kolligs, Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch, hofft deshalb auf einen Test, der die Gene von atypischen Darmpolypen, den Krebsvorstufen des Darmkrebs, im Blut oder im Stuhl erkennt. Verschiedene Blut- und auch Stuhltests sind in der Entwicklung. Am weitesten fortgeschritten ist laut Professor Kolligs der sogenannte SEPT9-Test. Er weist die DNA des Septin-9-Gens im Blut nach, die spezifisch für Darmkrebs ist.

Dieser Test dürfte, falls er sich als geeignet erweist, frühestens in einigen Jahren verfügbar sein. In der Zwischenzeit rät Professor Kolligs allen älteren Menschen dringend zur Darmspiegelung. Mit mehr als 25.000 Todesfällen gehört Darmkrebs zu den häufigsten Krebserkrankungen und die Darmkrebsvorsorge ist effektiv, wenn auch unangenehmer als ein Bluttest.

F. T. Kolligs:
Kolorektales Karzinom: Prävention und Früherkennung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (19); S. 1425-1430

A. Spek, B. Szabados, A. Roosen, C. Stief:
PSA zur Früherkennung des Prostatakarzinoms
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (19); S. 1435-1437

D. P. Modest und V. Heinemann:
Tumormarker zur Früherkennung – sinnvoll oder sinnlos?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (19); S. 1438-1441