Krebstherapie: Patienten auf dem Land oft benachteiligt

fzm – Wer auf dem Land fern von den großen Therapiezentren wohnt, ist im Fall einer Krebserkrankung möglicherweise im Nachteil. Studien aus den USA weisen vor allem in der psychologischen Betreuung auf Defizite hin. Ein Experte befürchtet in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010), dass die Situation in Deutschland nicht besser ist.

Untersuchungen zum Stadt-Land-Vergleich in der Krebsbehandlung sind in Deutschland bisher kaum durchgeführt worden, beklagt der Soziologe Dr. phil. Jochen Ernst von der Universität Leipzig, der gemeinsam mit Kollegen insgesamt 27 Studien aus anderen Ländern ausgewertet hat. Sie zeigen beispielsweise, dass Frauen aus ländlichen Regionen seltener brusterhaltend operiert werden, wenn sie an Brustkrebs erkranken. Patientinnen aus der Stadt erhalten außerdem häufiger eine begleitende Chemotherapie oder Bestrahlung, die beim Brustkrebs eine lebensverlängernde Wirkung erzielt. In einer anderen Studie wurde sogar festgestellt, dass Lungenkrebspatienten in der Provinz ein erhöhtes Sterberisiko haben. Dr. Ernst bringt dies nicht allein mit den längeren Wegen zu den Behandlungszentren in Verbindung. Stadtpatienten seien häufig besser informiert und würden die angebotenen Therapien eher in Anspruch nehmen. Die Studien zeigen, dass Krebspatienten vom Land auch bei der Früherkennung, der Nachsorge und der Rehabilitation benachteiligt sind. Ländliche Patienten könnten darüber hinaus wesentlich seltener den Wunsch verwirklichen, zuhause zu sterben.

Dr. Ernst: Krebspatienten auf dem Lande fühlen sich häufiger mit ihrer Erkrankung allein gelassen. Es gebe nicht nur Probleme wegen der langen Wege. Auch der soziale Betreuungsbedarf sei breiter gestreut und intensiver als bei Städtern. Viele Landpatienten äußern die Sorge, ihre häusliche Abwesenheit infolge stationärer Therapie führe zu zusätzlichen familiären Problemen. Vor diesem Hintergrund würde insbesondere eine psychische Betreuung nur selten in Anspruch genommen.

Der Soziologe befürchtet, dass Landpatienten auch in Deutschland bei Krebserkrankungen benachteiligt sind. Die Studienergebnisse aus anderen Ländern seien aber nur bedingt übertragbar. Dr. Ernst: Viele Untersuchungen wurden in den USA durchgeführt, wo die Entfernungen weiter sind als bei uns. Auch eine nahezu flächendeckende Erfassung aller Bürger in das Krankenversicherungssystem fehle in anderen Ländern. Vielleicht sei die Situation deshalb besser als angenommen. Es gebe aber auch in Deutschland ein deutliches Stadt-Land-Gefälle in der Ärztedichte. In einigen ländlichen Regionen könnte in naher Zukunft eine vollständige haus- und fachärztliche Versorgung nicht mehr gewährleistet sein, warnt der Experte, der einen dringenden Nachholbedarf für Studien sieht. Geklärt werden müsse, ob bei ländlichen Patienten ein besonderer Betreuungsbedarf bestehe und wie dieser auf der Grundlage plausibler Stadt-Land-Abgrenzungen gedeckt werden kann. Zu prüfen sei außerdem, ob die Telemedizin oder andere Unterstützungsangebote die Lebensqualität der Landpatienten verbessern könne.

J. Ernst et al.:
Versorgung und psychosozialer Betreuungsbedarf
von Krebspatienten im Stadt-Land-Vergleich - eine Literaturübersicht.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (31/32):
S. 1531-1537

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