Allergisch auf künstliche Gelenke

Stuttgart, Juli 2010 – Können Menschen allergisch auf ein künstliches Kniegelenk sein? Experten aus München und Neumarkt sammeln seit Jahren Verdachtsfälle von Patienten mit unerklärlichen Beschwerden. Ihre Auswertung in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) ergab nun: Bei vielen Patienten fallen die Allergie-Hauttests positiv aus. Ob die Allergiebereitschaft allerdings für ihre Beschwerden verantwortlich ist, ist noch offen.

Etwa 150 000 Menschen erhalten in Deutschland jedes Jahr ein künstliches Kniegelenk. Die Prothesen müssen das Gewicht des gesamten Körpers tragen. Dabei kann es zu einem Materialabrieb auf den Metalloberflächen der Implantate kommen. Durch den Kontakt mit der umgebenden Gewebsflüssigkeit werden ebenfalls Bestandteile der Prothese freigesetzt. Viele Kunstgelenke bestehen aber aus Legierung von Kobalt, Chrom und Nickel, Metalle, gegen die viele Menschen allergisch sind. Auch der Zement, mit dem die Gelenke im Knochen verankert werden, enthält potenzielle Allergieauslöser.

Forscher aus München und Neumarkt i.d.Oberpfalz haben die Bedingungen im Laborversuch nachgestellt. Sie konnten zeigen, dass die Prothesen Metalle freisetzen. Wurden diese Lösungen dann in einem Allergie-Hauttest verwendet, war das Ergebnis bei Allergikern häufig positiv. Dr. Ricarda Eben und Dr. Karin-Almut Dietrich aus der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie ihre Kollegen nehmen deshalb an, dass auch im implantatnahen Gewebe eine Kontaktallergie auftreten kann.

Die Münchner Klinik hat eine Implantatallergie-Sprechstunde “Allergomat” eingerichtet, an die sich Menschen mit vermuteter Allergie wenden können. In den ersten fünf Jahren stellten sich 66 Patienten vor, die zumeist ein künstliches Kniegelenk erhalten hatten. Die meisten Patienten klagten über Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Schwellungen. Bei anderen hatte sich das Implantat im Knochen gelockert. Orthopäden hatten sonstige Ursachen hierfür, beispielsweise eine Infektion, ausgeschlossen. Zudem lenkten bei einigen Patienten Rötungen der Haut und Ekzeme den Verdacht auf eine Allergie.

Bei 30 Prozent der Patienten zeigten die Hauttests tatsächlich eine Allergiebereitschaft auf wenigstens ein Metall an. Ebenso häufig fielen die Tests auf Zementbestandteile positiv aus. Ein Beweis für eine Allergie sind die Testergebnisse jedoch nicht, schränken die Allergologinnen ein. Denn auch viele Patienten ohne Beschwerden haben die gleiche Allergiebereitschaft. Die Forscher haben deshalb begonnen, auch eine Kontrollgruppe zu testen: Patienten mit künstlichen Kniegelenken, die keine Beschwerden haben.

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Allergie-Tests bei Patienten mit einer Unverträglichkeit der Kunstgelenke deutlich häufiger positiv ausfielen. Besonders deutlich war der Unterschied bei der Nickelallergie: Fast 25 Prozent der Patienten mit Beschwerden, aber nur 4 Prozent der Kontrollgruppe reagierten positiv, berichten die Forscherinnen. Unter den Knochenzementbestandteilen könnte das Antibiotikum Gentamycin ein häufiger Allergieauslöser sein. Aufgrund der geringen Fallzahl sei derzeit noch keine abschließende Bewertung möglich, schreiben die Experten. In weiter führenden Studien wollen sie jetzt herausfinden, welche Patienten tatsächlich allergisch auf die Knieprothese reagieren. Im schlimmsten Fall wäre dann ein Austausch gegen ein künstliches Kniegelenk notwendig, das keine allergische Reaktion auslöst.

R. Eben et al.:
Kontaktallergieraten gegen Metalle und Knochenzementbestandteile bei Patienten mit Endoprothesenunverträglichkeit.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (28/29): S. 1418-1422

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