Experte: Unnötige Labortests können Patienten verunsichern

Stuttgart, März 2009 – In Deutschland werden in Kliniken unnötige Labortests durchgeführt. Das belastet nicht nur das Budget der Krankenhäuser, es kann auch zu Folgeuntersuchungen führen, die die Patienten belasten, kritisieren Mediziner in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2009).

Eine kurzes Fallbeispiel zu Beginn eines Artikels in der DMW verdeutlicht, welche Folgen eine unkritische Labordiagnostik haben kann. Eine 55-Jährige Frau hatte sich wegen leichter Ermüdbarkeit und Verstimmungen an einen Arzt gewandt, der ihr als Spezialist empfohlen worden war. Der Mediziner ordnete eine umfangreiche Laboruntersuchung an. Gleich fünf Röhrchen Blut wurden der Frau abgenommen. Weil einige Laborwerte verdächtig waren, musste sich die Patientin in den folgenden Wochen aufgrund eines erhöhten Gerinnungswertes einer Ultraschalluntersuchung und wegen erhöhter Hormonwerte einer Untersuchung der Schilddrüse mit radioaktiv markierten Stoffen unterziehen. Da man im Blut auch verdächtige Tumormarker fand, ordnete der Arzt zudem eine Darmspiegelung an. Gefunden wurde nichts. Die Patientin war nicht ernsthaft krank. Außer einem leichten Vitaminmangel fehlte ihr nichts. Gegen die Schlafstörungen empfahl der Arzt ihr schließlich Baldrian-Tee. Die zwischenzeitliche Verunsicherung der Patientin und Untersuchungskosten von 1856 Euro hätten nach Einschätzung der Autoren Professor Dr. Walter Guder und Professor Dr. Otto A. Müller, beide München, vermieden werden können, wenn der Arzt auf einige unnötige Labortests verzichtet hätte.

Ein Einzelfall? Eher nicht. Die Zahl der pro Krankenhausaufenthalt durchgeführten Laboruntersuchungen hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verzehnfacht. Bei jedem Krankenhauspatienten wurden 2007 im Durchschnitt 180 Tests durchgeführt, meint der Experte Guder, Mitglied der Arbeitsgruppe "Diagnostische Pfade" der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, die Gründe für unnötige Labortests erforscht. Zu den häufigen Fehlern zählen laut Guder und Müller ein Beharren auf eigenen bewährten Erfahrungen. Nach dem Motto "Das haben wir schon immer so gemacht" würden althergebrachte Tests durchgeführt, obwohl es längst neuere bessere Tests gibt. Statt auf einen alten Test zu verzichten, würden häufig beide Tests vom Labor angefordert.

Oft sind es Zeitdruck oder mangelnde Organisation, die Ärzte zu unbedachten Tests verleiten. Da kann es schon einmal passieren, dass, wie die Autoren aus langjähriger Erfahrung wissen, in einer Klinik versehentlich für alle Patienten über 50 Jahre, egal ob männlich oder weiblich, Früherkennungstests auf das Prostatakarzinom durchgeführt werden, der bei Frauen natürlich keinen Sinn macht. Auch die Angst vor einem Kunstfehler veranlasst Ärzte manchmal dazu, sich durch Labortests abzusichern. Sie wirken vor Gericht überzeugender als eine gezielte Befragung der Patienten, die so manchen Test überflüssig mache, wie die Mediziner betonen.

Im Klinikalltag passiere es nicht selten, dass derselbe Test zweimal am gleichen Tag durchgeführt wird. Auch viele Kontrolluntersuchungen seien überflüssig. So benötige ein Diabetiker kein Gerät zur Blutzucker-Selbstmessung, solange er mit Tabletten auskomme und kein Insulin spritzt. Und der HbA1c-Wert zur Langzeitkontrolle des Blutzuckers sollte frühestens nach drei Monaten wiederholt werden. Guder und Müller kennen Fälle, in denen die Tests wöchentlich oder sogar zweitägig durchgeführt wurden.

Auch die Bedeutung von Tumormarkern – Blutbestandteilen, die bei Krebserkrankungen erhöht sein können – wird nach Einschätzung der Autoren überschätzt. Ein "Krebstest an sich" existiere nicht. Einzige Ausnahme sei der PSA-Test zur Früherkennung des Prostatakarzinoms. Alle anderen Tumormarker eignen sich nach Auskunft des Experten nur zur Verlaufskontrolle bei bereits bekannten Krebserkrankungen.

Leitlinien sind ein Mittel um unnötige Laboruntersuchungen zu vermeiden und Kosten zu sparen, so die Experten. Er warnt aber zugleich vor zu großem Optimismus: Die Gesamtzahl der Laboruntersuchungen werde in den nächsten Jahren weiter steigen, ebenso die Kosten. Neue Tests seien in der Regel teurer als die älteren, die sie ersetzen.

W. G. Guder, O. A. Müller:
Unnötige Laboruntersuchungen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (12): S. 575-584

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