Herzstillstand: Angst verhindert lebensrettende Maßnahmen durch Angehörige

fzm, Stuttgart, Dezember 2014 – Zwei von drei Herzstillständen außerhalb einer Klinik ereignen sich zuhause. Lebenspartner und Angehörige sind auf die Situation selten vorbereitet und verzichten einer Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) zufolge häufig auf Wiederbelebungsmaßnahmen. Dabei steigen die Überlebenschancen, wenn nicht auf das Eintreffen des Notarztes gewartet wird.

In deutschen Kliniken treffen regelmäßig Patienten ein, die nach einem Herzstillstand außerhalb der Klinik wiederbelebt wurden. Häufig erfolgt die Reanimation erst durch den Notarzt, obwohl andere Zeugen vor Ort waren. Dr. Martin Christ vom Marienhospital Herne hat hierzu die Daten der Klinik ausgewertet. In sechs Jahren trafen 204 Patienten nach wiederbelebtem Herzstillstand in der Klinik ein. Aus den Notarztprotokollen und Krankenunterlagen war ersichtlich, dass 83 Ereignisse von Mitmenschen beobachtet worden waren. Doch nur in 35 Fällen hatte sich ein medizinischer Laie getraut, seine Erste-Hilfe-Kenntnisse einzusetzen und eine Wiederbelebung mit Herzmassage und Atemspende zu beginnen.

Es waren keineswegs nur Passanten, die sich nicht zur Hilfe in der Lage sahen. Die wenigsten Herzstillstände hatten sich auf der Straße ereignet. Sechs von zehn Patienten waren zu Hause kollabiert: In 32 Fällen war ein Lebenspartner anwesend. Doch nur acht davon trauten sich, einzugreifen. Von 20 anwesenden Angehörigen hatten zehn eine Reanimation versucht.

Die Bereitschaft zur Laienreanimation in Deutschland ist zu gering, beklagt Dr. Christ. Die Chance, bei einem Herzstillstand außerhalb einer Klinik durch einen Laien reanimiert zu werden, betrug in der Studie nur rund 17 Prozent. In den USA seien es hingegen etwa 33 Prozent und in Schweden sogar 40 Prozent, berichtet Dr. Christ. Die geringere Bevölkerungsdichte in jenen Ländern und die längeren Anfahrtswege der Notärzte sind nach Ansicht des Mediziners nur ein Grund. Auch wenn in Nordrhein-Westfalen der Rettungsdienst in der Stadt nach fünf bis acht Minuten und auf dem Land nach etwa zwölf Minuten eintreffe, komme eine Rettung bei einem plötzlichen Herzstillstand häufig zu spät.

Den Grund für die Zurückhaltung der deutschen Bevölkerung vermutet Dr. Christ vor allem in Wissensdefiziten: Viele Laien würden nicht erkennen, wann ein Kollaps durch einen Herzstillstand ausgelöst wurde. Zudem fehlten ihnen die notwendigen Kenntnisse zur Durchführung der Ersten Hilfe. Für die meisten Menschen sei der Erste-Hilfe-Kurs vor dem Erwerb des Führerscheins der erste und einzige, beklagt der Experte. Aber auch die Angst vor Infektionen, vor der eigenen Unfähigkeit und vor den möglichen rechtlichen Folgen säße bei vielen Menschen tief.

Dabei lohnt es sich, seine Erst-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig zu erneuern. In Herne wurden 45 Prozent aller Herzstillstände überlebt, wenn ein Ersthelfer eine Reanimation durchführte. Sie verschlechterten sich, wenn bis zum Eintreffen des Notarztes abgewartet wurde.

M.Christ et al.:
Wer beobachtet in Deutschland den außerklinischen Herzstillstand?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (44); S.2225-2230