Magen-Darm-Erkrankungen: Medizinische Leitlinien bleiben hinter eigenen Qualitätsanforderungen zurück

fzm, Stuttgart, Mai 2014 – Medizinische Leitlinien legen Standards fest, die die Qualität der ärztlichen Versorgung verbessern sollen. Doch halten die Leitlinien selbst den eigenen Ansprüchen stand? Eine Untersuchung in der Fachzeitschrift „Endoscopy“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) kommt zu dem Ergebnis, dass es viele Leitlinien im Bereich endoskopischer Untersuchungen mit den Standards nicht so genau nehmen.

Magen- und Darmspiegelungen sind komplexe Untersuchungen, die nicht allen Ärzten gleich gut gelingen. Studien zeigen, dass ein Magenkrebs im Frühstadium leicht übersehen werden kann und Darmpolypen bei der Vorsorgeuntersuchung häufig nicht vollständig entfernt werden, schreibt Dr. Matthew Rutter von der Universitätsklinik in Stockton-on-Tees in England im Editorial der aktuellen Zeitschrift. Andere Untersuchungen, wie die retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP), bei der Kontrastmittel in die Ausführungsgänge von Gallenblase und Bauchspeicheldrüse gespritzt werden, sind laut Rutter für den Patienten mit hohen Risiken verbunden. Klare Standards seien hier wichtig, um Schäden am Patienten zu vermeiden.

Die verschiedenen Fachgesellschaften für Gastroenterologie aus Nordamerika und Europa haben in den letzten Jahren Behandlungsstandards in Leitlinien festgelegt. Die Bandbreite der Empfehlungen reicht von Vorsorgemaßnahmen bis zur Behandlung des Verdauungstraktes. Ein Team um Mário Dinis-Ribeiro von der Universität Porto hat nun hundert gastroenterologische Leitlinien einem Qualitäts-Check unterzogen, wobei er den Schwerpunkt auf den Bereich der Magen-Darm-Spiegelungen legte.

Die Forscher bedienten sich dabei der AGREE-II-Instrumente. Es handelt sich um eine Checkliste zur Qualitätsbeurteilung von Leitlinien, die 2003 von einer internationalen Forschergruppe entwickelt wurde und mittlerweile in der zweiten Auflage vorliegt: AGREE II umfasst 23 Einzelpunkte (Items) zum Gegenstand der Leitlinie, den beteiligten Gruppen (Stakeholder), der Rigorosität der Leitlinienentwicklung, der Klarheit der Darstellung, der Anwendbarkeit und der Unabhängigkeit der Leitlinienautoren. Das Team um Dinis-Robeiro vergibt in der Untersuchung für jedes einzelne Item Noten von 1 bis 7. Bestnoten erzielten die Leitlinien nur für gut neun der 23 Items.

Für die Forscher wiesen fast alle Leitlinien in einigen Punkten Lücken auf. So fehlte zu 99 Prozent eine Beteiligung der Zielgruppe. In Zukunft müssen, auch wenn es nicht immer möglich ist, die Werte und Wünsche der Patienten, denen eine bestimmte Behandlung empfohlen wird, viel stärker berücksichtigt werden, findet das Team. Großer Verbesserungsbedarf besteht auch bezüglich der Hilfen und Barrieren bei der Umsetzung der Vorgaben: Diese wurden in 96 Prozent der Leitlinien nicht ausreichend thematisiert. Schließlich fehle es in 86 Prozent der Leitlinien an Verweisen auf Handbücher und schrittweisen Anweisungen für die medizinische Praxis, beklagen die Forscher, die in 94 Prozent der Leitlinien Angaben zum Fälligkeitsdatum oder zu den vorgesehenen späteren Überprüfungen vermissten.

Gleichwohl bewiesen die Autoren der Leitlinien auch Sorgfalt: Die Vorteile, Nebenwirkungen und Risiken wurden von 93 Prozent der Leitlinien gut angeben. Auch die Empfehlungen wurden von 76 Prozent der Leitlinien klar und unmissverständlich formuliert. Ebenfalls vorbildlich waren die Angaben zur Finanzierung der Leitlinie und den sich daraus ergebenden möglichen Interessenkonflikten. Diesen Punkt erfüllten mit 98 Prozent fast alle Leitlinien gut. Um die Qualität der Leitlinie zu verbessern, empfehlen die Forscher den Fachgesellschaften die AGREE-II-Instrumente selbst anzuwenden und die Leitlinie erst nach einem bestandenen Test zu veröffentlichen.

Rui Malheiro et al.:
Methodological quality of guidelines in gastroenterology
Endoscopy 2014; Online erschienen am 23.04.2014
DOI 10.1055/s-0034-1365394

Matthew Rutter, Colin Rees:
Quality in gastrointestinal endoscopy
Endoscopy 2014; Online erschienen am 30.04.2014
DOI: 10.1055/s-0034-1365738