Lungenkrank durch Medikamente: Wenn durch Tabletten die Luft wegbleibt

Stuttgart, Mai 2011 – Mehr als 350 verschiedene Medikamente können die Lunge schädigen. Die Ursache wird häufig nicht erkannt, weil die Nebenwirkungen oft erst nach Monaten auftreten und von anderen Lungenerkrankungen kaum zu unterscheiden sind. Im Zweifelsfall bleibt den Ärzten nur, das verdächtige Medikament abzusetzen, schreibt ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011). Die Beweisführung durch eine Exposition, damit ist die erneute Gabe des Medikaments gemeint, ist zu riskant.

Einige die Lunge betreffende Nebenwirkungen sind bekannt, berichtet Professor Jens Schreiber von der Abteilung für Pneumologie am Universitätsklinikum Magdeburg. So komme es bei fünf bis 35 Prozent aller Patienten, die wegen Bluthochdrucks oder Herzerkrankungen mit ACE-Hemmern behandelt werden, zu Husten. Aber auch die modernen Angiotensin1-Antagonisten gegen Bluthochdruck hätten zu drei Prozent diese Nebenwirkung, die zum Wechsel auf andere Mittel zwingt. Bekannt ist zudem, dass Betablocker, ebenfalls Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzerkrankungen, einen Asthmaanfall auslösen können. Fachärzte für Krebserkrankungen prüfen laut Professor Schreiber bei ihren Patienten stets, ob die krebsbekämpfenden Medikamente die Lungenbläschen schädigen. Zu den Krebsmedikamenten, die dies verursachen können, gehört Methotrexat. Der Wirkstoff kommt außerdem häufig bei rheumatischen Erkrankungen zum Einsatz. Berüchtigt unter Kardiologen sind die schweren Lungenschäden, die der Wirkstoff Amiodaron hervorrufen kann. Er wird gegen Herzrhythmusstörungen verordnet. Bei einigen Medikamenten, wie dem Blutverdünner Phenprocoumon, bekannt unter dem Handelsnamen Macumar®, könne es sogar zu lebensgefährlichen Lungenblutungen kommen. Die Liste der Mittel, die die Lungen schädigen können, ist nach Auskunft des Experten lang. Die Internetseite pneumotox.com, die diese Fälle sammelt, verzeichne bereits mehr als 350 Wirkstoffe. Professor Schreiber zufolge können auch Naturheilmittel die Lunge schädigen: Sogar schwere, teilweise tödliche Verläufe seien beobachtet worden.

Die Patienten spüren die Nebenwirkung häufig nicht sofort. Einige Schäden machen sich erst Monate oder Jahre nach der Therapie bemerkbar. Entsprechend schwierig sei es, die Ursache zu ermitteln, warnt Professor Schreiber: Ein für die Schädigung eindeutiges “pathognomonisches” Muster gebe es nur selten. Der Arzt müsse wissen, dass Lungenschäden möglich sind und andere Ursachen ausschließen. Im Zweifelsfall entscheiden sich die Ärzte dafür, das Medikament abzusetzen. Wenn dann Husten oder Atemnot zurückgehen und sich die Befunde der Lungenfunktion oder auf dem Röntgenbild bessern, ist dies noch lange kein Beweis. Professor Schreiber: Hierzu müssten die Patienten das Medikament unter ärztlicher Kontrolle erneut einnehmen. Doch diese wiederholte Medikamentengabe berge ein unkalkulierbares Risiko und werde deshalb nur selten durchgeführt, erläutert der Lungenexperte.

J. Schreiber:
Medikamentös induzierte Lungenerkrankungen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136(13):
S. 631–634

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