Mangel- und Unterernährung – Strategien und Rezepte

Professor Dr. med. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik des Roten Kreuz Krankenhauses Kassel

Ein gesellschaftliches Problem

Es ist in unserer Gesellschaft bisher weitgehend unbekannt, dass es neben dem täglich auf der Straße zu sehenden und medial omnipräsenten Adipositas-Problem auch ein gesellschaftlich relevantes Problem mit Unter- und Mangelernährung in Deutschland gibt. Unter- und Mangelernährung ist in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Problem, das der Einzelne schmerzlich realisiert, wenn er selbst betroffen ist oder sich um seine kranken oder älter werdenden Angehörigen kümmert. Unter- und Mangelernährung wird mit Krankheit, Schicksal, Isolation oder Tod assoziiert und spielt sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern abgeschieden zu Hause, auf Krebsstationen, in Alten- oder Pflegeheimen ab.

Dabei handelt es sich unter medizinischen, aber auch sozialen, ökonomischen, gesundheitspolitischen und vor allen Dingen gesellschaftlichen Aspekten um eine grobe Fehleinschätzung. Unter- und Mangelernährung ist ein sehr häufiges und deutlich zunehmendes Problem: Etwa jeder dritte Patient, der in Deutschland stationär in ein Krankenhaus aufgenommen wird, zeigt signifikante Zeichen einer Unter- und Mangelernährung.
40 bis 70 Prozent aller Patienten in Pflege- und Altersheimen haben ein signifikantes Risiko, eine Mangelernährung zu entwickeln. Tendenz deutlich zunehmend! Die Europäische Union beschreibt in mehreren aktuellen Resolutionen und Deklarationen die Anzahl der Unter- und Mangelernährten als inakzeptabel hoch. Sie zeigt auf, dass für die Probleme von Unter- und Mangelernährung mehr als doppelt so viele Ressourcen zur Verfügung gestellt und Gelder ausgegeben werden müssen (circa 120 Milliarden Euro/Jahr in Europa) als für das medial viel präsentere Thema Adipositas. Die EU ruft deshalb aktuell europaweit zu der Aktion „STOP MALNUTRITION!“ auf.

Dabei kann die Unter- und Mangelernährung, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, mit einfachen und kostengünstigen Maßnahmen hocheffizient – im Gegensatz zur Übergewichtsproblematik – behandelt werden.

Folgen und Ursachen

Unter- und Mangelernährung ist in vielen wissenschaftlichen Studien und Metaanalysen hoch evidenzbasiert als ein unabhängiger, signifikanter Risiko- und Kostenfaktor belegt. Die klinischen Folgen einer Unter- und Mangelernährung sind evident: reduzierte Immunkompetenz und zunehmende Krankheitsanfällig-keit, erhöhte Infektions- und Komplikationsrate und verminderte Therapietoleranz, zunehmende Immobilität, verminderter funktioneller und kognitiver Status, vermehrte Krankenhaus-aufenthalte, erhöhte Sterblichkeit, reduzierte Lebensqualität und deutlich sinkende Prognosen. Die Ursachen für eine Unter- und Mangelernährung sind komplex und beinhalten neben medizinischen und krankheitsbedingten Ursachen eine Vielzahl von Aspekten, die ein sehr schlechtes Bild auf unsere Gesellschaft werfen: zunehmende soziale Isolation, Armut, Alkohol-/Nikotinmissbrauch, mangelhafter Zahnstatus und zunehmende Depressionen.

Prävention und Therapie

Die frühzeitige systematische Erkennung von Unter- und Mangelernährung im Rahmen von Erkrankungs- und Alterungsprozessen und die Ernährungsintervention sind heute integraler und hocheffektiver Bestandteil ärztlicher Prävention und Therapie. Für die individuell adäquate Therapie stehen eine Vielzahl etablierter Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung.

In Bezug auf die individuell adäquate Therapie hat sich das von den Fachgesellschaften empfohlene Stufentherapieschema etabliert. Dies beinhaltet die individuelle und konsequente Evaluation und Behandlung der zugrunde liegenden Ursachen und die Entwicklung einer individualisierten Ernährungsstrategie mit energiereicher Wunschkost in einer professionellen Ernährungsberatung. Die Therapie sieht den Einsatz etablierter Allgemeinmaßnahmen und individueller Hilfsmittel vor. Das Spektrum reicht von der gezielten Anreicherung von Nahrung mit hochwertigen Eiweißkonzentraten, der Empfehlung supplementärer Trink- und Aufbaunahrung bis hin zur unterstützenden künstlichen enteralen (zum Beispiel über eine PEG-Sonde, die es ermöglicht, Patienten über einen Schlauch im Bauch künstlich zu ernähren) und parenteralen Ernährung (über Infusionen).

In diesem Sinne ist gezielte Ernährungsintervention hocheffizienter integraler Bestandteil der Therapie und Prävention und als therapeutische Maßnahme effizienter, als das für die meisten wie selbstverständlich in der Medizin verwendeten Medikamente belegt ist. Unter- und Mangelernährung ist bei rechtzeitiger Erkennung mit für den Betroffenen attraktiven und einfachen Maßnahmen gut und schnell behandelbar, was klinisch zu einer signifikanten Verbesserung von Komplikationsraten, Sterblichkeit und vor allen Dingen individueller Lebensqualität führt.

Der Ansatz: energiereich essen

Der vorliegende Patientenratgeber „Mangel- und Unterernährung“ präsentiert in allgemein verständlicher Sprache all unser modernes Wissen zu Ursachen, Hintergründen und gezielter individueller Behandlung einer Unter- und Mangelernährung auf der Basis evidenzbasierter Erkenntnisse und aktueller Leitlinien der verantwortlichen Fachgesellschaften. Dabei werden den Patienten keine exotischen Rezepte empfohlen, sondern beliebte und bewährte Lieblingsgerichte in ihren Einzelkomponenten modifiziert. Sie werden in Bezug auf Nährstoffe, dazu gehören Mineralien, Spurenelemente und Vitamine, aber auch Energie- und Kaloriengehalt auf die individuell notwendige Menge „aufgepeppt“, ohne dass sich dadurch vollere Teller ergeben. Ganz im Gegenteil – kleine Portionen liefern viel Energie. Darüber hinaus erhalten Betroffene und engagierte Angehörige praktische Tipps für den Alltag und die individuelle Ausarbeitung von Tageskostplänen.

Fazit

Vor dem Hintergrund der überzeugend belegten zunehmenden Häufigkeit und der individuellen medizinischen sowie sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen befindet sich die Aufmerksamkeit für das Thema Unter-und Mangelernährung erfreulicherweise auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext gerade in einem deutlichen Wandlungsprozess. Nachdem in den letzten Jahren eine Vielzahl von wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten und vor allen Dingen auch Lehrbüchern zu dieser Thematik publiziert wurden, gibt es jetzt für den deutschsprachigen Raum auch endlich einen ausführlichen, unseren modernen Erkenntnissen gerecht werdenden Ratgeber für die professionelle praktische Patientenversorgung, aber auch für Betroffene und engagierte Angehörige.

Es gilt das gesprochene Wort.
Hamburg, November 2012

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