Medical Flossing: Festes Abbinden verbessert Kraft und Beweglichkeit

fzm, Stuttgart, Oktober 2015 – Ein Gelenk fest abbinden, um die Beweglichkeit zu erhöhen! Das ist das Prinzip des sogenannten Medical Flossings. Die neue Therapiemethode leitet sich vom sogenannten Voodoo-Flossing ab, das in den letzten Jahren von den USA aus die Fitness-Studios auch in Europa erobert hat. Dabei werden Gelenke und Muskeln mit einem elastischen Band lokal abgebunden, um Kraft und Beweglichkeit zu verbessern. Die Physiotherapeuten Andreas Ahlhorn und Ralf Blume haben dieses Verfahren zu einem differenzierten Konzept mit spezifischen, indikationsbezogenen Anlagetechniken weiterentwickelt. In der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) stellt Andreas Ahlhorn das daraus entstandene Medical Flossing vor.

Für das Flossing benötigt man ein spezielles, dehnbares Latexband, das zu beiden Seiten des betreffenden Gelenks fest angelegt wird. „Je nach Indikation variieren wir den genauen Ort der Anlage und den Druck“, berichtet Andreas Ahlhorn, der als Physiotherapeut und Physiotherapie-Dozent in Koblenz tätig ist. Sein Kollege Ralf Blume ist Betreuer des Fußballclubs Hannover 96. Mit angelegtem Band wird das Gelenk dann passiv oder aktiv bewegt - die Methode lässt sich so ergänzend zu Physiotherapie, manueller Therapie oder Osteopathie einsetzen.

Durch das Abbinden verändert der Therapeut nicht nur die Zirkulation von Blut und Lymphe in dem betroffenen Bereich, sondern auch die Schmerzempfindung. Ahlhorn und Blume vermuten, dass der starke mechanische Reiz, der durch die entstehenden Kräfte auf die Haut einwirkt, die Weiterleitung der Schmerzempfindung auf Rückenmarksebene hemmt. Dieser Effekt ist als nozizeptive Hemmung bekannt. Dadurch kann der Patient das Gelenk nahezu schmerzfrei bewegen und so seine Beweglichkeit erhöhen. Dabei kann die Behandlung durch die Reibung des Flossing-Bandes selbst recht schmerzhaft sein. „Auf der Haut können sich zuweilen Hämatome und Quaddeln bilden“, warnt Andreas Ahlhorn - darüber solle der Patient unbedingt vor Beginn der Behandlung informiert werden.

Zudem werden noch zwei weitere Effekte für die Wirkung des Flossings verantwortlich gemacht: Zum einen der sogenannte Schwammeffekt, der dazu führt, dass der hohe Druck das Gewebe gleichsam auspresst und den lymphatischen Abfluss verstärkt. So können etwa Schwellungen reduziert werden. Zum anderen sorgt die Verbindung von äußerem Druck und Bewegung im Gelenk dafür, dass sich Bindegewebsschichten gegeneinander verschieben, die zuvor - etwa durch Verletzungen und Vernarbungen - miteinander verklebt waren. „Auch das erhöht letztlich die Beweglichkeit im Gelenk“, vermuten Ahlhorn und Blume.

Nach Einschätzung der beiden Physiotherapeuten eignet sich die Methode für nahezu alle Patienten aus Orthopädie und Chirurgie. „Wir haben das Medical Flossing bereits bei jungen Athleten mit Sportverletzungen eingesetzt, aber auch bei Patienten mit Knie-Totalendoprothese“, sagt Ahlhorn. Aber auch der Einsatz in anderen Fachbereichen wie etwa der Neurologie sei durchaus denkbar. Bisherige Erfahrungen seien durchweg sehr positiv gewesen - wissenschaftlich erwiesen sei die Wirksamkeit des Medical Flossing jedoch noch nicht, wie er betont. Doch auch daran, die neue Methode wissenschaftlich zu unterfüttern, arbeitet Ahlhorn gemeinsam mit seinem Kollegen Blume: Eine Pilotstudie zum Medical Flossing haben die beiden bereits abgeschlossen. Die vielversprechenden Ergebnisse sollen bald veröffentlicht werden.

A. Ahlhorn:
Schmerzfrei und beweglich durch Abbinden
physiopraxis 2015; 13 (9); S.35-37