Migranten sind nicht anfälliger für psychische Krankheiten als Einheimische

Stuttgart, Februar 2009 – Deutschland ist ein Einwanderungsland. Knapp jeder fünfte Mensch (18,6 Prozent) weist hierzulande einen "Migrationshintergrund" auf. Damit ist gemeint, dass mindestens einer seiner Elternteile außerhalb von Deutschland geboren wurde. In der Forschungsliteratur werden Migranten häufig als "gesundheitliche Problemfälle" angesehen. Doch diese Sichtweise ist nicht vereinbar mit neuesten epidemiologischen Daten, wie eine nun veröffentliche Studie belegt. In der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) weist die Diplompsychologin Heide Glaesmer von der Universität Leipzig nach, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht anfälliger für psychische Krankheiten sind als die einheimische Bevölkerung.

Die These, wonach Migration eine psychische Krise auslöst und sich über Generationen hinweg negativ auswirkt, kann vor dem Hintergrund dieses Befundes nicht länger aufrechterhalten werden. Zwar sind die Krankheitshäufigkeiten für Depressionen und Angststörungen bei Menschen mit Migrationshintergrund etwas höher als bei der deutschen Bevölkerung, doch sind diese Unterschiede statistisch nicht signifikant und damit dem Zufall geschuldet.

Verglichen mit Deutschen, leiden Menschen mit Migrationshintergrund häufiger an körperlichen Krankheiten wie Infektionen oder Übergewicht. Andere körperliche Störungen treten hingegen seltener auf, etwa Asthma oder Neurodermitis. Der psychische Gesundheitszustand von Migranten wurde nach Ansicht von Glaesmer bisher nur unzureichend erforscht. In den meisten Untersuchungen werteten Forscher sogenannte "Inanspruchnahme-Populationen" aus. Dabei handelt es sich um Menschen, die bereits krank sind und medizinisch versorgt werden. "Vor allem für den Bereich der psychischen Erkrankungen", so Glaesmer, "ist die Studienlage sehr unbefriedigend und zeigt uneinheitliche Ergebnisse, was auf unterschiedlichste methodische Ansätze, aber auch auf die kaum vergleichbaren Migrantenpopulationen und die Bedingungen in den verschiedenen Herkunfts- und Zielländern zurückzuführen ist."

Der Verdienst von Glaesmer besteht darin, eine bevölkerungsrepräsentative Studie vorgelegt zu haben, aus der sich allgemeine Schlüsse ziehen lassen. Per Telefoninterview wurden 2510 zufällig ausgewählte Personen nach ihrem psychischen Befinden befragt. Mehrere Fragebögen zu Angst- und Belastungsstörungen sowie zu depressiven Verstimmungen fanden dabei Verwendung. "Zusammenfassend ist festzustellen", so Glaesmer, "dass mit der gewählten Methodik eher gut integrierte, das heißt schon länger in Deutschland lebende Migranten mit guten Deutschkenntnissen erfasst wurden." Über illegal in Deutschland lebende Migranten und Asylsuchende kann die Forscherin folglich keine Aussage machen. Studien legen jedoch nahe, dass insbesondere diese Migranten psychisch stark belastet sind. Doch auch zwischen gut integrierten Migranten und Einheimischen zeigten sich Differenzen, wie Glaesmer schreibt: "Migranten kommen signifikant häufiger mit kriegsbezogenen traumatischen Ereignissen in Kontakt." Dennoch schlagen sich diese Negativ-Erfahrungen nicht in erhöhten Krankheitsraten bei Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nieder. Hier wirken möglicherweise Schutzmechanismen, die bislang nicht bekannt sind.

H. Glaesmer et al.:
Sind Migranten häufiger von psychischen Störungen betroffen?
Psychiatrische Praxis 2009; 36 (1): S. 16-22

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