• Blumenwiese und Himmel © Christian Pedant/Adobe.Stock.com

    Die Engelstrompete schmückt Gärten und Parks, ist aber auch wegen ihrer bewusstseinsverändernden Inhaltsstoffe bekannt. © Christian Pedant/Adobe.Stock.com

     

Missbrauchsverdachtsfälle mit biogenen Drogen gehen zurück

fzm, Stuttgart, Mai 2018 – Der Missbrauch rauschmittelhaltiger Pflanzen und Pilze hat in den vergangenen Jahren in Deutschland abgenommen. Das geht aus den Daten dreier Giftinformationszentralen (GIZ) hervor, die ausgewertet und in der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018) veröffentlicht wurden. Trotz rückläufiger Zahlen sehen die Autoren die Entwicklung kritisch: „Vermutlich hängt die abnehmende Tendenz bei den biogenen Drogen mit dem zunehmenden Aufkommen neuer synthetischer Designerdrogen zusammen“, sagt Studienleiter Privatdozent Dr. Jörg Pietsch vom Institut für Rechtsmedizin der TU Dresden.

Zu den biogenen Drogen zählen rauschmittelhaltige Pflanzen wie die Engelstrompete oder der Stechapfel, aber auch Pilze wie der heimische Fliegenpilz oder die als „Magic Mushrooms“ bekannten Psilocybe-Pilze. Selbst die als Gewürz weit verbreitete Muskatnuss kann in hoher Dosierung rauschartige Zustände hervorrufen. Die höchsten Fallzahlen wurden im Untersuchungszeitraum von 2007 bis 2013 für die Engelstrompete und für Psilocybe-Pilze gemeldet, deutlich seltener kam es zum Missbrauch von Stechapfel, Tollkirsche, Muskatnuss oder Samen der Hawaiianischen Holzrose. Nur vereinzelte Meldungen gab es für Trichterwinde, Peyote-Kaktus oder Aztekensalbei.

Die Gesamtzahl der bei den GIZ in Berlin, Erfurt und Freiburg eingegangenen Anfragen wegen biogener Rauschdrogen ging von Jahr zu Jahr fast kontinuierlich zurück. „Im Jahr 2013 lag die Zahl der Missbrauchsverdachtsfälle mit 70 nur noch rund halb so hoch wie 2007, als 135 Fälle gemeldet wurden“, sagt Pietsch. So sei die Zahl der Vergiftungen mit Engelstrompete oder Hawaiianischer Holzrose auf jeweils weniger als ein Drittel des Ausgangswerts gesunken. Einen deutlichen Anstieg mussten die Wissenschaftler dagegen für den Missbrauch von Muskatnuss verzeichnen: Ausgehend von sechs Fällen im Jahr 2007 stiegen die Werte bis auf 15 Fälle im Jahr 2011 an, um erst dann wieder leicht nachzugeben.

Zwar deuten die Zahlen der GIZ auf einen Trend zur Abkehr von biogenen Drogen hin, ihre Aussagekraft über den tatsächlichen Konsum ist jedoch begrenzt. „Die Zentralen werden in der Regel nur dann kontaktiert, wenn nach dem Missbrauch von rauschmittelhaltigen Pflanzen auch ernsthafte Vergiftungssymptome auftreten“, gibt Jörg Pietsch zu bedenken. Wie viele Benutzer die erwünschte halluzinogene Wirkung erzielen ohne bedrohliche Begleiterscheinungen wie Herzrasen, Verwirrtheit oder Übelkeit zu erleben, ist daher aus den GIZ-Zahlen nicht abzuleiten. Zudem sei gerade die Behandlung einer Vergiftung mit Engelstrompete – der häufigsten biogenen Rauschdroge - inzwischen hinlänglich bekannt, sodass die behandelnden Ärzte nicht mehr in allen Fällen die GIZ kontaktierten.

Die Erhebung liefert jedoch noch andere interessante Zahlen, etwa zum Alter der Konsumenten: Während der Altersgipfel für die tropanalkaloidhaltigen Pflanzen wie Engelstrompete, Stechapfel und Tollkirsche zwischen 16 und 20 Jahren lag, wurden psilocybinhaltige Pilze eher von jungen Erwachsenen zwischen 21 und 25 Jahren konsumiert. Mit Muskatnuss experimentierten dagegen hauptsächlich Schulkinder im Alter von 10 bis 15 Jahren. „Diese Altersverteilung lässt sich vermutlich mit der unterschiedlichen Verfügbarkeit der Drogen erklären“, erklärt Pietsch. Immerhin seien Muskatnüsse in fast jeder Küche zu finden, und die von etwas Älteren bevorzugten tropanalkaloidhaltigen Pflanzen in vielen Parks und Gärten. „Magic mushrooms“ dagegen müssten meist über das Internet bestellt werden.

J. Pietsch et al.:
Entwicklung des Missbrauchs psychotroper Pflanzen und Pilze in Deutschland – Interpretation der Zahlen aus 3 Giftinformationszentren für die Jahre 2007-2013
Das Gesundheitswesen 2018; 80 (6); S. 532–539

 

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!