Wann und wie Patienten sich an Therapieentscheidungen beteiligen

fzm, Stuttgart, Mai 2014 – Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist eine ganz besondere: Auf der einen Seite braucht und sucht der Patient das ärztliche Fachwissen, und viele Patienten möchten Therapieentscheidungen gerne vertrauensvoll in die Hände ihres Arztes legen. Auf der anderen Seite ist auch der Patient ein Experte - für die eigene Befindlichkeit oder dafür, welche Nebenwirkungen er für welchen medizinischen Nutzen bereit ist zu ertragen. Das Konzept des "shared decision making" sieht daher vor, dass der Patient an medizinischen Entscheidungen beteiligt wird. Wie weit dieses Konzept bereits verwirklicht ist und wie sehr die Patienten diese Teilhabe überhaupt wünschen, legt der Leipziger Soziologe Privatdozent Dr. Jochen Ernst nun in einem Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift "Das Gesundheitswesen" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) dar.

"Eine stärkere Patientenbeteiligung wird sowohl von Ärzten und Patientenvertretern, als auch von der Politik befürwortet", sagt Dr. Ernst, der für seine Übersichtsarbeit die Fachliteratur von 2002 bis 2012 ausgewertet hat. Allerdings möchten nicht alle Patienten an medizinischen Entscheidungen mitwirken: In der Mehrzahl der Studien sind es zwar mehr als 50 Prozent, zuweilen aber auch nur 16 Prozent der Befragten, die sich ein „shared decision making“ wünschen. Wie stark der Wunsch nach Teilhabe ist, hängt unter anderem von der Art der Erkrankung ab. Wie Ernst berichtet, sind Krebspatienten oder andere chronisch Erkrankte besonders interessiert daran, mit medizinischen Informationen versorgt und an Behandlungsentscheidungen beteiligt zu werden. Wer an einer sehr aggressiven Krebsvariante leidet, tendiert den von Ernst analysierten Studien zufolge jedoch eher dazu, wichtige therapeutische Entscheidungen dem Arzt zu überlassen.

Selbst innerhalb einer Diagnosegruppe kommen unterschiedliche Studien jedoch zum Teil zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Eine besondere Rolle scheinen dabei kulturelle Einflüsse zu spielen, wie Ernst am Beispiel zweier Brustkrebs-Studien verdeutlicht: In einer in den USA angesiedelten Studie wünschten sich 66 Prozent der Betroffenen mitzuentscheiden, in einer Studie aus Griechenland dagegen nur 29 Prozent. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie schwierig es ist, die Vielzahl unterschiedlicher Studien zu einem Gesamtbild zu verschmelzen.

Dennoch kristallisierten sich in der aktuellen Übersicht einige Faktoren heraus, die den Wunsch nach Teilhabe tendenziell fördern. Zu ihnen zählte etwa ein höherer Bildungsgrad, ein höherer sozioökonomischer Status und ein höheres Maß an selbstständiger Vorinformation des Patienten. "Diese Faktoren sind jedoch oft nicht voneinander unabhängig", betont Dr. Ernst. "Außerdem ist ihr Einfluss nur moderat und zeigt sich nicht in allen Studien." Deutlicher ist der Zusammenhang mit dem Alter: In den meisten Studien waren es eher die jüngeren Patienten, die an der Entscheidungsfindung beteiligt werden wollten.

Aber welche Auswirkungen hat es, wenn Patienten gleichberechtigt mit ihrem Arzt über die Therapie entscheiden? Die Datenlage hierzu sei noch recht dünn, sagt Dr. Ernst. Einflüsse auf die Therapiewahl oder den Behandlungserfolg zeichneten sich in den wenigen verfügbaren Studien bislang nicht ab. Allerdings scheinen beteiligte Patienten emotional und psychosozial stabiler zu sein und den Verlauf der Behandlung realistischer einschätzen zu können. Für Jochen Ernst ist das „shared decision making“ daher ein durchaus nachvollziehbarer gesamtgesellschaftlicher Trend, dessen Einflussfaktoren und auch dessen Auswirkungen allerdings noch genauer untersucht werden müssen.

J. Ernst et al.:
Beteiligung von Patienten an medizinischen Entscheidungen - ein Überblick zu Patientenpräferenzen und Einflussfaktoren
Das Gesundheitswesen 2014; 76 (4); S. 187-192