Moderne Reha mit geringen Mitteln

Stuttgart, Mai 2011 – In Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, haben behinderte Menschen es doppelt schwer: Wer kein Geld hat, erhält keine medizinische Behandlung, von Rehabilitationsmaßnahmen ganz zu schweigen. Auch staatliche Stellen für die Belange Behinderter existieren kaum. Und doch gibt es auch in dieser Rehabilitationswüste eine Oase: Das Center for the Rehabilitation of the Paralyzed (CRP) in der Hauptstadt Dhaka. In der Fachzeitschrift „ergopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) stellt der Bielefelder Physiotherapeut und Gesundheitswissenschaftler Heiko Jahn das 1979 gegründete Zentrum vor.

"Das CRP ist das einzige Behandlungszentrum für Rückenmarksverletzte in ganz Bangladesch“, umreißt Heiko Jahn die Bedeutung der Einrichtung. Die Gründerin Valerie Taylor, eine britische Physiotherapeutin, hatte es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, eine Rehabilitationseinrichtung speziell für arme Patienten zu schaffen. Jeder Patient muss für die Behandlung daher nur so viel zahlen, wie seine finanziellen Mittel es erlauben – oft ist das sehr wenig und deckt die Behandlungskosten bei Weitem nicht. Dennoch haben die Patienten das Gefühl, dass sie etwas zu ihrer Behandlung beitragen und nicht bloß Bittsteller sind, zitiert Heiko Jahn den Leiter der physiotherapeutischen Abteilung am CRP.

Auf seinen Stationen bietet das CRP Platz für 100 Erwachsene und 25 Kinder. „Darüber hinaus werden täglich rund 300 Patienten ambulant betreut“, berichtet Jahn, der das Rehazentrum während eines Forschungsaufenthaltes im Dezember 2009 besucht hat. Die meisten Patienten werden aufgrund von Rückenmarksverletzungen behandelt, die aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen – etwa im Hochhausbau – häufig vorkommen.

Trotz geringer Mittel und einfacher Behandlungsmethoden verfolgen die Ärzte und Therapeuten des CRP durchaus moderne Therapieansätze. „Die meisten Patienten bleiben mehrere Monate im CRP und werden in dieser Zeit von einem Team aus Ärzten, Pflegern, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden betreut“, sagt Jahn. Beeindruckt hat den Gesundheitswissenschaftler vor allem die multidisziplinäre Arbeit der Ärzte und Therapeuten in Dhaka, die sich stets an den individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen des Patienten orientiert.

„Nach der Akutphase unterstützen die Therapeuten die Patienten dabei, ihre Kraft wieder zu trainieren“, schildert Jahn den Verlauf der Therapie. In einem Rollstuhlparcours üben die Patienten zum Beispiel, sich zügig und sicher fortzubewegen und mit unterschiedlichen Bodenstrukturen, Steigungen und Treppen zurechtzukommen. Andere Patienten üben etwa die Feinmotorik ihrer Hände. In den Wochen vor der Entlassung steht dann die Wiedereingliederung in das Leben zu Hause im Vordergrund, und es werden berufliche Möglichkeiten ausgelotet. In einem kleinen Übungsdorf mit Garten können die Betroffenen alltägliche Verrichtungen wie etwa das Aufhängen von Wäsche üben, Obst und Gemüse anbauen oder Brot backen. Während des gesamten Aufenthalts werden sie ganzheitlich betreut – sowohl physisch, als auch sensomotorisch und psychosozial.

Wie Heiko Jahn betont, gibt es derzeit noch zu wenige ausgebildete Ergotherapeuten in Bangladesch. Deshalb nimmt das CRP gerne die Unterstützung von Therapeuten aus dem Ausland in Anspruch, die für eine gewisse Zeit bei der Behandlung der Patienten mitarbeiten möchten. Auch Instruktoren für die Aus- und Weiterbildung einheimischer Therapeuten sind sehr willkommen.

H. Jahn:
Ein Lichtblick in Dhaka.
ergopraxis 2011; 4 (2): S. 30-33

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