• Ruecken © psdesign1, Fotolia.com

    Die dynamische Wirbelsäulenanalyse könnte vor allem bei bislang unspezifischen Rückenschmerzen neue Erkenntnisse liefern. © psdesign1 – Fotolia.com

     

Lichtblick statt Röntgenstrahlen: Neue Technologie für die dynamische Untersuchung der Wirbelsäule

fzm, Stuttgart, Mai 2017 – Wie bewegt sich die Wirbelsäule beim Gehen? Wie drehen sich die einzelnen Wirbel währenddessen? Diesen und weiteren Fragen gehen Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz nach. In einem speziellen Untersuchungsraum, dem sogenannten MotionLab, analysieren Laborleiter Dr. Ulrich Betz und seine Mitarbeiter die Wirbelsäule in Bewegung. Ziel ist es, Funktionsstörungen wie Blockierungen oder Instabilitäten auf die Spur kommen. Zunächst jedoch erarbeitet das Team Referenzwerte an gesunden Probanden. Wie eine Untersuchung im MotionLab abläuft, schildert Anja Rieger in der Fachzeitschrift physiopraxis (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017). Die Medizin-Redakteurin ist hierfür selbst auf das Laufband gestiegen.

Der auffälligste Bestandteil des MotionLabs ist neben dem Laufband eine Lichtquelle, die ein horizontales Streifenmuster auf den Rücken des Probanden projiziert, „etwa so wie bei einer Jalousie, die man leicht öffnet, um das Sonnenlicht hereinzulassen“, berichtet Rieger. Eine Kamera nimmt dieses Streifenmuster auf und erfasst die Verzerrungen, die durch die Form des Rückens und seine Bewegungen entstehen. Aus diesen Daten – immerhin 600.000 Pixel – errechnet der angeschlossene Computer ein dreidimensionales Bild des Rückens.

Diese Technik wird bereits seit geraumer Zeit eingesetzt, um die Wirbelsäule im Stand zu untersuchen, etwa um eine Skoliose zu beurteilen und ihre Entwicklung zu beobachten. Hier erspart sie den Patienten die früher üblichen und mit einer hohen Strahlenbelastung einhergehenden Röntgenuntersuchungen. „Durch die rasante Weiterentwicklung der Rechnerleistung ist es nun möglich, eine Vielzahl solcher Bilder in rascher Folge aufzunehmen“, erläutert Laborleiter Dr. Betz. Derzeit arbeitet das Gerät mit 60 Bildern pro Sekunde. Das erlaubt es, auch Bewegungen zu analysieren. Mit einem speziell für das MotionLab entwickelten Computerprogramm kann das Mainzer Team ein Bewegungsprofil für jeden einzelnen Brust- und Lendenwirbel erstellen.

Diese Daten werden ergänzt durch Marker auf Beinen und Rücken, deren Position ebenfalls erfasst wird. Außerdem ist das Laufband mit Drucksensoren bestückt, die das Abrollen des Fußes registrieren. Anhand dieser Informationen können Betz und seine Mitarbeiter die Wirbelbewegungen mit der Gangphase in Beziehung setzen.

Derzeit untersuchen die Forscher rund 200 gesunde Probanden, um herauszufinden, wie die beschwerdefreie Wirbelsäule sich bewegt. Ihre Ergebnisse dienen dann als Referenzwerte für Patienten mit unklaren Wirbelsäulenbeschwerden. Insbesondere bei Betroffenen, bei denen kein erkennbarer struktureller Defekt, wie etwa ein Bandscheibenvorfall, vorliegt, erhoffen sich die Wissenschaftler im MotionLab neue Erkenntnisse. So könnten mittels der dynamischen Wirbelsäulenanalyse mögliche funktionelle Störungen, wie zum Beispiel Bereiche mit ungewöhnlich geringer oder besonders hoher Beweglichkeit, identifiziert werden.

Was kompliziert klingt, dauert für den Patienten nur wenige Minuten: Bei vier unterschiedlichen Geschwindigkeiten soll er auf dem Laufband jeweils eine Minute gehen, während sein Rücken gefilmt wird. Das ist, wie Anja Rieger versichert, auch für Untrainierte leicht zu meistern. Wer möchte kann seine Ergebnisse mitnehmen und erhält von der anwesenden Physiotherapeutin zusätzlich eine Einschätzung des Gangverhaltens.

A. Rieger: Streifenshow in der Dunkelkammer – Dynamische Wirbelsäulenanalyse; physiopraxis 2017; 15 (5); S. 54–56

 

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!