Multiple Sklerose: Achtsame Ernährung statt Radikaldiäten

fzm, Stuttgart, Oktober 2015 – Die Multiple Sklerose (MS) gilt nach wie vor als unheilbare Erkrankung – auch aktuelle Medikamente können lediglich die Häufigkeit und Schwere der Krankheitsschübe verringern. Wie bei vielen chronischen Erkrankungen ist die Versuchung daher groß, sich über eine besondere Ernährung selbst zu therapieren. Nach Aussage der Stuttgarter Ökotrophologin Dr. Silke Lichtenstein nimmt die Mehrzahl der MS-Kranken ohne ärztlichen Rat Nahrungsergänzungsmittel ein oder folgt einseitigen Wunderdiäten. In der Fachzeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) warnt sie vor solch riskanten Eigenbehandlungen - weist aber gleichzeitig auf das große Potenzial hin, das die Ernährungsmedizin gerade für MS-Kranke besitzt.

Bei MS bilden sich aus noch unbekannter Ursache Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark. Dort greifen körpereigene Immunzellen die Isolierschicht um die Nervenfasern an. So wird zunächst schubweise die Weiterleitung von Signalen gestört, letztlich verlieren die angegriffenen Nervenfasern ihre gesamte Funktionalität. Je nach Lage der Entzündung kommt es zu ganz unterschiedlichen Ausfallerscheinungen: Von Sehstörungen über Schmerzen bis hin zu motorischen Symptomen und Lähmungen. Nach einem Krankheitsschub bilden sich die Symptome anfangs meist teilweise oder vollständig zurück. Je nach Verlauf bleiben die Symptome und Ausfallerscheinungen mit fortschreitender Erkrankung immer häufiger dauerhaft bestehen.

Nach Ansicht von Silke Lichtenstein ist es ratsam, dass MS-Patienten möglichst früh das Angebot einer ernährungstherapeutischen Beratung wahrnehmen. Schon ganz praktische Probleme beim Einkaufen und Kochen, die durch motorische Einschränkungen entstehen, können wichtiger Gegenstand sein. Auch leiden manche Patienten unter Kau- und Schluckstörungen, die ein genussvolles und bedarfsdeckendes Essen erschweren. Verwendet der Patient dann noch zusätzlich eine alternative Heilmethode, die auf einer unausgewogenen Kost beruht, schränkt dies die Lebensqualität weiter unnötig ein und kann den Krankheitsverlauf sogar negativ beeinflussen. Hiervon betroffene Patienten entwickelten, laut Lichtenstein, leicht eine Unter- oder Mangelernährung. Auf der anderen Seite kann der etwa durch Lähmungen bedingte Bewegungsmangel auch zu Übergewicht führen. Je nach Verlauf ist also sowohl das Risiko einer Fehl-, Über- oder Unterernährung gegeben.

Bislang gibt es für keinen Nahrungsbestandteil oder Nährstoff einen positiven oder negativen Wirksamkeitsnachweis in Bezug auf MS. Als vielversprechendsten ernährungstherapeutischen Ansatz wertet Lichtenstein die „Anti Entzündliche Diät“ (AED). Durch einen vermehrten Verzehr der in Fischölen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA kann ein antientzündlicher Effekt erreicht werden. Die in tierischen Fetten enthaltene, entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure sollte im Gegenzug reduziert werden. Zwar fehlt auch für diese Diät ein Wirksamkeitsnachweis, doch gibt es positive Erfahrungswerte aus Studien. Zudem decken sich die Vorgaben mit Ernährungsempfehlungen, die auch für Gesunde gelten – etwa vorwiegend pflanzliche Nahrung sowie zweimal in der Woche Fisch zu essen und den Fleischkonsum zu senken.

Positiv bewertet Silke Lichtenstein auch, dass die AED keine Verbote ausspricht. Sie arbeitet mit wöchentlichen Richtwerten, die sich nicht auf Inhaltsstoffe, sondern auf Lebensmittel beziehen. Diätfehler, die ein deprimierendes Gefühl des Misserfolgs vermitteln, gibt es nicht. Und es bleibt genügend Raum, um eigenen Essensvorlieben nachzugehen – damit das Essen als wesentlicher Aspekt psychosozialer Gesundheit trotz allem eine Quelle der sozialen Teilhabe und Lebensfreude bleibt.

S. Lichtenstein:
Multiple Sklerose - welche Optionen bietet die Ernährungstherapie?
Aktuelle Ernährungsmedizin 2015; 40 (4); S.247-255