Nutzen und Risiko von Nahrungsergänzungsmitteln

fzm, Stuttgart, August 2014 – Ihrer Gesundheit zuliebe greifen rund 20 Millionen Bundesbürger regelmäßig zu Vitaminen, Spurenelementen, Omega-3-Fettsäuren oder Phytosterinen. Doch die Hoffnung, dass die Mittel vor Herzkreislauferkrankungen schützen, könnte trügerisch sein. Ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) hält es sogar für möglich, dass einzelne Nahrungsergänzungsmittel mehr schaden als nutzen.

Besonders beliebt sind derzeit Phytosterine, die in Joghurt, Milch-, Frucht- und Sojagetränken, Gewürz- und Salatsoßen und in bestimmten Margarine-Produkten enthalten sind. Die pflanzlichen Phytosterine konkurrieren im Darm mit dem Cholesterin aus Tierprodukten. Dies kann zu einer bis zu 15-prozentigen Senkung des Cholesterinwerts führen, die das Herzinfarktrisiko im Prinzip senkt. „Neuere Studien zeigen jedoch, dass dieser Effekt nicht immer sicher reproduzierbar ist, und dass Phytosterinsupplementation bei einigen Menschen auch zu einer paradoxen Erhöhung des Cholesterinspiegels führen kann“, warnt Privatdozent Oliver Weingärtner, der als Kardiologe an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg tätig ist. Er verweist auf eine seltene Erkrankung, die Phytosterinämie, bei der der Darm die für den Körper nutzlosen Phytosterine nicht wieder ausscheiden kann. „Extrem erhöhte Phytosterinkonzentrationen führen bei den Patienten zu Fettablagerungen in der Haut und einer frühzeitigen, häufig tödlich verlaufenden Atherosklerose“, schreibt Dr. Weingärtner. Phytosterine gelten deshalb nicht mehr als unbedenklich. Nachdem das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits 2008 gefordert hatte, diese Produkte nur Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten zu empfehlen, steht jetzt eine Neubewertung von Phytosterinen durch die „European Food and Safety Authority“ an. Auch die medizinischen Fachverbände, die anfangs die Einführung von Functional Foods begrüßt haben, stehen den Phytosterinen inzwischen kritisch gegenüber. „Die American Heart Association empfiehlt sie in ihrer im letzten Jahr veröffentlichten Leitlinie nicht mehr“, berichtet Dr. Weingärtner.

Auch die gesundheitsfördernden Eigenschaften von langkettigen Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl werden von Kardiologen nicht mehr uneingeschränkt positiv bewertet. Zu den bedenklichen Effekten, die Dr. Weingärtner zufolge in vereinzelten Studien beobachtet wurden, gehören eine Erhöhung des Cholesterinwerts im Blut, eine Beeinträchtigung der Immunabwehr bei älteren Menschen sowie eine erhöhte Blutungsneigung. „Nach einer aktuellen Meta-Analyse, die die Ergebnisse aus insgesamt 89 klinischen Studien zusammenfasst, gibt es keine klare wissenschaftliche Evidenz, dass eine Nahrungsmittelergänzung mit Omega-3-Fettsäuren tatsächlich das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung vermindert“, schreibt der Experte. Es könnte aber sein, dass Omega-3-Fettsäuren die Konzentration von Neutralfetten, Triglyzeride genannt, im Blut senkt, die zunehmend als potenzieller Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen diskutiert würden.

Vitamine haben ihre Unschuld als unbedenklich positive Nahrungsergänzungsmittel bereits in den 1990er Jahren verloren. Damals musste die CARET-Studie (Beta-Carotene and Retinol Efficacy Trial) vorzeitig abgebrochen werden, weil bei Einnahme von Beta-Carotin nicht nur die Lungenkrebsrate, sondern auch die Häufigkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen angestiegen war anstatt, wie erhofft, zu sinken. „Seitdem ist die Anwendung von Beta-Carotin, einer Vorstufe von Vitamin-A, und seiner chemischen Verwandten in fast allen Ländern streng reglementiert“, berichtet Dr. Weingärtner. Beta-Carotin gehört zu den antioxidativen Vitaminen, die als eine Art Rostschutzmittel im Körper die Alterung von Zellen verhindern soll. Eine ähnliche Wirkung wird den Vitaminen A, C, E und Selen zugeschrieben. Auch hier gibt es Zweifel. In einer Meta-Analyse war die allgemeine Sterblichkeitsrate bei Studienteilnehmern, die Vitamin A und E oder Beta-Carotin einnahmen, höher als in der Gruppe ohne Supplemente, berichtet Dr. Weingärtner: „Immer mehr große Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Wer regelmäßig Vitaminprodukte einnimmt, stirbt früher.“

Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, rät der Kardiologe Weingärtner zu einem Lebensstil mit körperlicher Aktivität und vermehrten Konsum von frischen Früchten, Gemüse und Fisch. Der Wert dieser mediterranen Diät sei kürzlich in einer klinischen Studie belegt worden, während der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln von den Herstellern nicht belegt werden muss, um sie auf den Markt zu bringen.

O. Weingärtner et al.:
Nahrungsmittelergänzung in der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen: Keine Empfehlung ohne Wirksamkeitsbeleg
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (27); S.1423-1426