• warnschild mit zecke und hinweis auf borreliose © Henrik Dolle/ Adobe.Stock.com

    Zecken können Borreliose-Bakterien übertragen, die unter Umständen Nerven und Gehirn angreifen und Entzündungen auslösen. © Henrik Dolle/ Adobe.Stock.com

     

Neuroborreliose sicher diagnostizieren und behandeln

fzm, Stuttgart, August 2020 - Mit einem Zeckenstich können Borreliose-Bakterien in den Körper gelangen und Nerven und Gehirn angreifen und eine Entzündung auslösen. Die sogenannte Neuroborreliose kann mit Antibiotika gut behandelt werden. Voraussetzung ist laut eines Fortbildungsbeitrags in der Fachzeitschrift "Neurologie up2date" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) eine rechtzeitige Diagnose, die mittels einer Untersuchung des Nervenwassers erfolgen sollte.

Viele Zeckenstiche bleiben unbemerkt oder sind längst in Vergessenheit geraten, wenn Patienten nach vier bis sechs Wochen über starke, oft in der Nacht auftretende Schmerzen klagen. Wenn Schmerzmittel hier nicht helfen, ist das ein erster Hinweis für Mediziner, dass eine Neuroborreliose vorliegen könnte. Häufig ist auch der Gesichtsnerv betroffen. Dann kommt es zu einer einseitigen Gesichtslähmung, der sogenannten Fazialisparese. Manchmal treten auch Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit auf. Beides deutet auf eine Hirnhautentzündung hin. Bei Kindern sind sie das häufigste Zeichen der frühen Neuroborreliose.

Der Arzt führt im ersten Schritt zumeist einen Antikörpertest durch. Zu bedenken ist allerdings, dass der Nachweis von Antikörpern noch kein Hinweis auf eine akute Erkrankung sein muss. Er bedeutet nur, dass das Immunsystem schon einmal Kontakt zu den Bakterien hatte. In Deutschland ist dies bei fünf bis 20 Prozent der gesunden Bevölkerung der Fall. Der Test fällt auch dann positiv aus, wenn ein Patient die Infektion schon lange überstanden hat. Als Grundlage für eine Therapieentscheidung sei ein positiver Antikörpertest deshalb nicht ausreichend, erklären die Neurologen PD Dr. Rick Dersch und Professor Dr. Sebastian Rauer. Beide sind an der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg tätig.

Um die Diagnose abzusichern, sollte bei einem positiven Testergebnis deshalb eine Lumbalpunktion folgen: Mit einer dünnen Nadel wird Nervenwasser, der sogenannte Liquor, aus der Umgebung des Rückenmarks entnommen und im Labor untersucht. Der Nachweis von Erregern könnte die Diagnose Neuroborreliose sichern. Das Verfahren ist jedoch unsicher. Deshalb konzentrieren sich Mediziner auf indirekte Hinweise wie einen Anstieg der Entzündungszellen und die Eiweißmenge im Liquor. Sie machen eine Erkrankung wahrscheinlich. In unklaren Fällen können die Ärzte das Protein CXCL13 im Liquor bestimmen lassen. Es ist bei einer Neuroborreliose fast immer erhöht, berichten die Autoren. Ist dies nicht der Fall, liege meist eine andere Erkrankung vor.

Nach einem positiven Liquor-Ergebnis sind keine weiteren Tests erforderlich. Die Behandlung mit Antibiotika kann beginnen. Penicillin oder Cephalosporine als Infusion oder Doxycyclin als Tabletten erzielen laut Dersch und Rauer in der Regel eine gute Wirkung. "Bei einer Behandlung mit Doxycyclin ist es wichtig, die Patienten darüber zu informieren, dass der Verzehr von Milchprodukten, die gleichzeitige Einnahme von Magnesium oder Medikamenten zur Neutralisierung der Magensäure die Wirksamkeit des Antibiotikums einschränkt", merken die Neurologen an. Im Frühstadium der Neuroborreliose reiche eine Behandlungsdauer von 14 Tagen.

Schwieriger ist die Situation im Spätstadium, das heißt, wenn mehrere Monate seit dem Zeckenstich vergangen sind. Zu den Schmerzen können dann Nervenschäden hinzugekommen sein. Dies kann zu einer auffälligen („spastisch-ataktischen“) Gangstörung oder zu Problemen beim Wasserlassen führen. Auch ein Taubheitsgefühl auf der Haut gehört zu den Spätschäden, die sich nach einer Antibiotika-Behandlung nicht immer zurückbilden. Um die Bakterien sicher zu bekämpfen, werden Antibiotika über 14 bis 21 Tage gegeben, so die Mediziner.

Eine längere Antibiotika-Gabe ist aus Sicht der Experten in der Regel nicht sinnvoll. In vorliegenden Studien seien keine Hinweise auf ein Versagen der Medikamente gefunden worden, erklären die Neurologen. Falls die Patienten weiterhin Beschwerden haben, könnte dies Folge der Gewebezerstörung durch die Bakterien sein. Die weitere Behandlung müsse dann symptomorientiert erfolgen.

R. Dersch und S. Rauer:
Neuroborreliose
Neurologie up2date 2020; 3 (3); S. 23–39

 

 

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