Neuroendokrine Tumore – Immer mehr hormonproduzierende Krebserkrankungen im Enddarm

Stuttgart, April 2009 – In seltenen Fällen können Krebsgeschwulste Hormone produzieren. Im Enddarm werden diese neuroendokrinen Tumore immer häufiger diagnostiziert – dank der Früherkennung mittels Darmspiegelung aber zunehmend in einem Stadium, in dem eine Heilung möglich ist, berichten Experten in der "Zeitschrift für Gastroenterologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Neuroendokrine Tumore gehörten früher zu den Krebsleiden, die Ärzte nur aus dem Fachbuch kannten. An ihnen ließ sich gut aufzeigen, welche Folgen die plötzliche Überproduktion von Hormonen auf den Körper haben kann. Dazu gehört beispielsweise ein knallroter Kopf, im Ärztejargon Flush genannt, infolge der Freisetzung von Serotonin, einem häufig von neuroendokrinen Tumoren produzierten Hormon. Das Krebsleiden kann im gesamten Darmbereich auftreten, auch im Enddarm, wo sie heute meistens bei einer Darmspiegelung zufällig entdeckt werden. Die Hormonproduktion ist dann noch gering. Jeder zweite Patient hat keine Symptome, schreiben Professor Hans Scherübl, Gastroenterologe am Vivantes-Klinikum, Berlin, und der Pathologe Professor Günter Klöppel, Universitätsklinikum Kiel.

Wie selten der Tumor ist, zeigen die Erfahrungen aus Polen: Auf 50 000 Darmspiegelungen kamen lediglich 25 neuroendokrine Tumore. Gleichwohl hat sich die Häufigkeit des Tumors in den USA in den letzten 35 Jahren verzehnfacht. Professor Scherübl geht davon aus, dass die Tumore infolge der gesetzlichen Darmkrebsfrüherkennung auch in Deutschland künftig häufiger diagnostiziert werden.

Neuroendokrine Tumore können Tochtergeschwulste bilden und tödlich enden. Sie wachsen allerdings sehr langsam, weshalb sie früher auch als Karzinoid, als krebsähnliche Geschwulst, bezeichnet wurden. Wenn der Tumor bei einer Darmspiegelung entdeckt wird, sind die Heilungschancen nach Einschätzung der Autoren gut: Wenn der Tumor kleiner als ein Zentimeter groß ist und weder die Muskelschicht des Darms noch die Lymphknoten erreicht hat, beträgt die Fünf-Jahresüberlebensrate fast 100 Prozent. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass Tochtergeschwulste wegen ihres langsamen Wachstums oft erst nach vielen Jahren bemerkt werden.

Kleine Tumore können oft bereits bei der Darmspiegelung entfernt werden. Scherübl und Klöppel raten aber, zunächst die Tiefenausdehnung mittels Ultraschall zu prüfen, was an vielen Kliniken während der Darmspiegelung mit speziellen Endoskopen möglich ist. Die Abtragung sollte mit einer in Japan entwickelten Technik erfolgen, bei der die umgebende Schleimhaut in einem Stück entfernt wird, die endoskopische Submukosadissektion. Größere Geschwulste erfordern wie ein herkömmlicher Enddarmkrebs eine ausgedehnte Operation. Ob der Krebs besiegt wurde, können die Ärzte mit Sicherheit erst nach zehn bis 15 Jahren sagen.

H. Scherübl, G. Klöppel:
Neuroendokrine Neoplasien des Rektums auf dem Vormarsch – ein Update.
Zeitschrift für Gastroenterologie 2009; 47 (4): S. 365-371

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