Organspende: Vertrauensverlust auch bei Ärzten und Pflegepersonal

fzm, Stuttgart, Juni 2014 – Der Organspendeskandal der letzten Monate hat auch Ärzte und Pflegepersonal der betroffenen Krankenhäuser verunsichert. In einer Umfrage, die jetzt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) veröffentlicht wurde, befürwortete zwar die überwiegende Mehrheit weiterhin die Organspende, jeder Vierte gab jedoch an, dass die jüngsten Entwicklungen ihre Einstellung negativ beeinflusst hätten.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hatte zwischen April und Juni 2013 an 50 bayerischen Krankenhäusern mit Potenzial für Organspenden fast 10.000 Fragebögen ausgelegt, in denen Ärzte und Pflegepersonal anonym ihre Einstellung zur Organspende äußern konnten. Das Interesse war groß. Fast ein Drittel der Fragebögen wurde in die aufgestellten Sammelboxen gesteckt. Die Ergebnisse zeigen daher nach Einschätzung von Dr. Thomas Breidenbach, dem geschäftsführenden Arzt der DSO-Region Bayern, ein generalisierbares Meinungsbild in den Kliniken, wo in den letzten sechs Jahren fast 80 Prozent aller Organspenden in Bayern durchgeführt wurden.

Insgesamt 90 Prozent der Ärzte und fast 80 Prozent des Pflegepersonals gaben an, der Organspende gegenüber positiv eingestellt zu sein. Gleiches gilt für die Akzeptanz des Hirntods als Kriterium für die Organspende. So wären gut 80 Prozent der Mediziner und über 60 Prozent der Pflegenden im Fall eines Hirntodes bereit Organe zu spenden. Fast 70 Prozent beziehungsweise gut 55 Prozent waren im Besitz eines Spendeausweises. Nahezu 70 Prozent der Ärzte und rund 50 Prozent der Pflegekräfte äußerten den Wunsch, im Erkrankungsfall selbst ein Transplantat zu erhalten.

Dass die Pflegekräfte der Organspende insgesamt reservierter gegenüber stehen als die Ärzte, könnte nach Ansicht von Dr. Breidenbach an einer mangelnden Information sowie einer unzureichenden Kooperation der Ärzte mit dem Pflegepersonal liegen. Am höchsten war die Skepsis unter Pflegekräften ausgerechnet an Kliniken, wo Organe transplantiert werden. Dr. Breidenbach vermutet, dass das Intensivpersonal in der Regel keinen Kontakt zu den erfolgreich transplantierten Patienten hat, wohl aber mit komplikationsträchtigen oder tödlich verlaufenden Fällen befasst ist. Dies könnte die persönliche Wahrnehmung einseitig prägen, befürchtet der Experte.

Trotz der hohen prinzipiellen Zustimmung ist der Organspendeskandal nicht spurlos an den Klinikbeschäftigten vorüber gezogen: Fast 30 Prozent gaben an, dass die jüngsten Entwicklungen ihre Einstellung negativ beeinflusst hätten, und etwa die Hälfte derjenigen beurteilte die Arbeit der Transplantationszentren negativ. Nur etwa ein Fünftel der Befragten empfanden die Organverteilung als gerecht.

Die Ursache des Organspendeskandals sahen viele Pflegende in Geldgier beziehungsweise Korrumpierbarkeit einzelner Ärzte. Die Ärzte an den Universitätskliniken beklagten einen Vertrauensverlust und sahen in der Ökonomisierung des Gesundheitssystems sowie in einer falschen Finanzierung der Transplantationsmedizin die Hauptprobleme. Beide Berufsgruppen bemängelten eine unzureichende Transparenz und fehlende Kontrollen.

Die Mehrheit der Befragten war nicht davon überzeugt, dass die bereits angekündigten Maßnahmen Manipulationen in der Zukunft verhindern können. Hier ist es nicht gelungen, das verloren gegangene Vertrauen zurück zu gewinnen, schreibt Dr. Breidenbach. Der Experte sieht zudem einen erheblicher Fortbildungsbedarf im Zusammenhang mit Organspende und Transplantationen. Immerhin rund 40 Prozent der Ärzte und Pflegekräfte hatten angegeben, noch nie an einer Fortbildung zum Thema Organspende teilgenommen zu haben. Insgesamt 90 Prozent äußerten den Wunsch nach Fortbildungen, wobei die Angehörigenbetreuung mit über 45 Prozent noch vor medizinischen Themen wie organerhaltender Intensivtherapie, Ablauf und Organisation einer Organspende oder Hirntoddiagnostik rangierte.

Dr. Breidenbach ist überzeugt, dass bessere Fortbildungen ein Schlüsselfaktor sind in dem Bestreben, die Organspendezahlen in Deutschland dem internationalen Durchschnitt anzu-gleichen. Alle Abläufe sollten so transparent wie möglich gestaltet und dargestellt werden, fordert der Experte. Die Komplexität der Prozesse und die Regeln der Organverteilung würden dabei zweifellos eine besondere Herausforderung darstellen. Die Etablierung eines nationalen Transplantationsregisters kann nach Ansicht des DSO-Vertreters dabei einen wichtigen Beitrag leisten, Vertrauen zurück zu gewinnen.

T. Breidenbach et al.:
Einstellung von potenziell am Organspendeprozess beteiligten Ärzten und Pflegekräften in Bayern zu Organspende und Transplantation
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (24); S. 1289-1294