• Junge Frau hält die Hand eines älteren Menschen © Alexey Klementiev – Fotolia.com

    Schwerkranke Menschen bedürfen am Lebensende einer besonderen medizinischen Versorgung. © Alexey Klementiev – Fotolia.com

     

Am Ende zu teuer? Was kostet die spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung?

fzm, Stuttgart, Januar 2017 – Die spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV), die Menschen mit unheilbaren Erkrankungen in Anspruch nehmen können, ist mit deutlich höheren Kosten für die Krankenkassen verbunden als eine allgemeine ambulante Palliativ-Versorgung (AAPV). Dabei schlagen insbesondere die Arzneimittelkosten zu Buche. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016), die erstmals den finanziellen Aufwand untersuchte.

Schwerkranke Menschen bedürfen am Ende ihres Lebens einer besonderen medizinischen Versorgung. In Deutschland leisten in der Regel Hausärzte und Pflegedienste die allgemeine ambulante Palliativ-Versorgung (AAPV). Wenn dadurch die Symptome der Patienten jedoch nicht ausreichend gelindert werden können oder eine besonders aufwendige Versorgungssituation besteht, kann eine spezialisierte ambulante Versorgung (SAPV) notwendig werden. Die SAPV wurde im April 2007 eingeführt. Dabei kümmert sich ein erweitertes „Palliative-Care-Team“ um Schwerkranke und Sterbende. Zu den interdisziplinären Teams zählen Fachärzte und Pflegekräfte, die eine spezielle Ausbildung in Palliativmedizin haben. Zentraler Bestandteil der Versorgung sind Medikamente, mit denen die Schmerzen und Symptome der Patienten gelindert werden. Zum einen, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Zum anderen, um eine Klinikeinweisung möglichst zu vermeiden; wobei eine solche bei Komplikationen oder speziellen Versorgungsbedürfnissen ebenfalls möglich ist.

Die SAPV hat sich seit ihrer Einführung nur zögerlich entwickelt, da die Krankenkassen in den ersten Jahren nur wenige Verträge mit entsprechenden Palliative-Care-Teams abgeschlossen haben. Die Höhe der Versorgungskosten pro Patient ist seitens der Kassen nur schwer kalkulierbar. Daraus lässt sich die Zurückhaltung der Versicherer erklären. Professor Dr. Herbert Rusche, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin der Ruhr-Universität Bochum, hat gemeinsam mit Wissenschaftlern des Instituts für Empirische Gesundheitsökonomie in Burscheid die Kosten einer AAPV mit denen einer SAVP verglichen. Datengrundlage bildeten Versichertendaten der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK). Professor Rusche und Kollegen stellten dazu 482 Patienten, die eine AAPV erhalten hatten, einer gleichen Zahl von Patienten mit SAPV gegenüber. Um aussagekräftige Vergleichswerte zu ermitteln, achteten die Forscher in einer sogenannten „Propensity Score“-Analyse darauf, dass sich die Vergleichspersonen hinsichtlich ihres Geschlechts, ihrer Diagnose, ihres Alters und ihrer Lebensumstände sowie weiterer Eigenschaften glichen. Die ermittelten Versorgungskosten beziehen sich auf das letzte Lebensjahr der Patienten.

Wie Professor Rusche berichtet, gab die Krankenkasse im Mittel 31 743 Euro für eine SAPV aus. Bei einer AAPV waren es nur 24 981 Euro. Nach Aussage der Wissenschaftler sind es vor allem die Arzneimittel, die die Kosten bei der SAVP in die Höhe trieben. Hier stehen Ausgaben von 8 464 denen von 3 815 Euro gegenüber. Auch die Kosten für die stationäre Behandlung liegt bei der SAPV höher, 16 707 versus 14 392 Euro. Damit hat die SAPV das Ziel, die Krankenhauskosten zu senken, nicht erreichen können. Des Weiteren entstanden im Rahmen der SAPV Kosten für Heil- und Hilfsmittel in Höhe von 1 925, bei der AAPV über 1 228 Euro. Auch die Arztkosten, 536 versus 424 Euro, waren leicht erhöht, während die Pflegekosten mit 4212 Euro für die SAPV niedriger waren als für die AAPV, die im Mittel 5122 Euro betrugen.

Die höheren Gesamtkosten lassen sich durch die speziellere Behandlung der Betroffenen erklären. Jetzt müsse untersucht werden, ob die gesteigerten Ausgaben für die Patienten mit einem erhöhten medizinischen Nutzen verbunden sind. Dabei geht es für Professor Rusche vor allem um die Frage, ob die SAPV die Lebensqualität der Patienten im letzten Lebensjahr verbessert.

H. Rusche, F. Kreimendahl, B. Huenges, D. Becka, R. Rychlik:
Medizinische Versorgung und Kosten im letzten Lebensjahr. Propensity-Score-Matching von AAPV- und SAPV-Versicherten.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (22); e203-e212