Passivrauchen im Mutterleib schadet langfristig

Stuttgart, September 2009 – Dass Ungeborene darunter leiden, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft rauchen, ist hinlänglich bekannt. Kinder von Raucherinnen sind bei der Geburt häufig kleiner und leichter als Kinder von Müttern, die auf Zigaretten verzichtet haben. Die Nikotinbelastung im Mutterleib hat aber offenbar auch längerfristige Folgen: Eine Bremer Studie liefert nun Hinweise darauf, dass die betroffenen Kinder im Vorschulalter Defizite in der kognitiven Entwicklung aufweisen. Studienleiterin Julia Danielsson vom Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen und ihre Kollegen stellen ihre Untersuchung in der Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde" vor (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Im Rahmen ihrer Studie hatten die Bremer Psychologen 100 Kindergartenkinder im Alter von drei bis sechseinhalb Jahren untersucht, deren Mütter während der Schwangerschaft geraucht hatten. Den kognitiven Entwicklungsstand dieser Kinder verglichen sie mit dem von 100 Gleichaltrigen, deren Mütter kein Nikotin konsumiert hatten. Dabei setzten Danielsson und ihre Kollegen den sogenannten "Kognitiven Entwicklungstest für das Kindergartenalter" ein, ein aktuelles Testverfahren zur Erfassung kognitiver Fähigkeiten bei Kindern von drei bis sechseinhalb Jahren. Es umfasst acht Untertests, die die Bereiche Psychomotorik, Artikulation, auditives Gedächtnis, Sprachverständnis, räumliche Vorstellung, Visuokonstruktion, bildhaftes Gedächtnis und Rhythmus erfassen.

Wie die Tests ergaben, blieben die Kinder der Raucherinnen in fast allen untersuchten Entwicklungsaspekten hinter den nikotinfrei aufgewachsenen Altersgenossen zurück. Besonders auffallend war der Leistungsunterschied in den Teilbereichen Psychomotorik, Artikulation, Rhythmus, auditives Gedächtnis und Sprachverständnis.

Welche biochemischen Abläufe dafür verantwortlich sind, dass der Konsum von Nikotin die kindliche Entwicklung beeinträchtigt, ist noch weitgehend unbekannt. "Zigarettenrauch enthält neben Nikotin und Kohlenmonoxid eine Vielzahl für das Ungeborene potenziell schädigender Substanzen, deren Langzeitwirkungen im einzelnen noch nicht hinreichend bekannt sind", betont Julia Danielsson. Vom Nikotin selbst ist bekannt, dass es direkt vom mütterlichen in den kindlichen Blutkreislauf übergeht. Im Gehirn interagiert es mit verschiedenen Botenstoffen und kann so die Gehirnentwicklung auf direktem Wege beeinflussen. Außerdem führt der Nikotinkonsum zu einer Verengung der mütterlichen sowie der kindlichen Blutgefäße. Beim Kind führt das zu einem Sauerstoffmangel und zu einer Unterversorgung mit Nährstoffen. Auch dies kann indirekt die Gehirnentwicklung beeinträchtigen.

"Noch immer ist jedes fünfte ungeborene Kind aufgrund des mütterlichen Nikotinkonsums ein indirekter Passivraucher", beschreibt Julia Danielsson die aktuelle Situation. Wie ihre Studie nun zeigt, machen sich manche Entwicklungsdefizite bereits bei geringer Nikotinbelastung bemerkbar. Eine unschädliche Dosis gebe es somit nicht, warnt die Bremer Psychologin. Sie nimmt ihre Studienergebnisse daher als Anlass, erneut einen dringenden Appell an werdende Mütter zu richten, während der Schwangerschaft vollständig auf Nikotin zu verzichten.

J. Danielsson et al.:
Nikotinexposition in der Schwangerschaft – Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung im Kindergartenalter.
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2009; 69 (8):
S. 692-697

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!