Notfallmediziner: Wenn’s drauf ankommt, liegt die Patientenverfügung zuhause

fzm, Stuttgart, Dezember 2015 – Viele ältere Menschen besitzen eine Patientenverfügung, doch die wenigsten tragen sie im Notfall bei sich. Dies kam in einer Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) heraus. Die Notfallmediziner sehen auch die Hausärzte der Patienten in der Verantwortung.

Immer mehr Menschen besitzen eine Patientenverfügung. Sie möchten damit verhindern, dass sie in Situationen, in denen sie ihren Willen nicht mehr bekunden können, eine Behandlung erhalten, die sie bei vollem Bewusstsein ablehnen würden. Am Marienhospital der Ruhr Universität Bochum erklärte jeder vierte Patient, den die Autoren um Dr. Martin Christ befragten, dass er im Besitz einer Patientenverfügung sei. Der Anteil stieg mit dem Lebensalter der Patienten und bei den über 80-Jährigen hatte jeder Zweite (51 Prozent) eine Patientenverfügung.

Doch nur die wenigsten Patienten konnten die Patientenverfügung auch vorzeigen. Von den 496 Patienten waren dies gerade einmal 16 Personen, also rund drei Prozent. Am höchsten war der Anteil mit etwa vier Prozent bei den Patienten, die durch den Rettungsdienst in die Klinik transportiert wurden, berichtet Dr. Christ. Patienten, die notfallmäßig über einen niedergelassenen Arzt eingewiesen wurden, konnten nur zu etwa drei Prozent eine Patientenverfügung vorweisen. Und bei Patienten, die sich auf eigene Veranlassung hin in der Notaufnahme vorstellten, waren es nur etwas über zwei Prozent, schreibt Dr. Christ.

Der Mediziner hat Verständnis dafür, dass Patienten in einer Akutsituation die Mitnahme der Patientenverfügung vergessen. Andererseits könnte der Inhalt der Patientenverfügungen gerade in diesen Notfallsituationen zur Geltung kommen. Dr. Christ sieht nicht nur die Patienten selbst, sondern auch die Ärzte in der Verantwortung. Patienten, die durch einen niedergelassenen Arzt eingewiesen werden, hätten in der Regel noch Zeit, ihre Taschen zu packen. Sie könnten dabei problemlos ihre Patientenverfügung mitnehmen, falls der einweisende Arzt sie darauf hinweist, dass dieses Dokument im Krankenhaus benötigt wird.

Auch die Notärzte sollten die Patienten standardmäßig daran erinnern. In vielen Notarztprotokollen müssten Notärzte ankreuzen, ob der Patient Krankenkassenkarte, Wertsachen oder eine Medikamentenliste mit sich führe, schreibt Dr. Christ. Es fehle aber ein Feld für die Patientenverfügung.

Auch die Empfehlungen der Behörden sind aus Sicht von Dr. Christ nicht eindeutig. Im Informationsmaterial des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz heiße es lediglich, dass bei der Aufnahme in ein Krankenhaus oder Pflegeheim auf die Patientenverfügung hingewiesen werden sollte. Die Bundesärztekammer fordere, dass die Patienten dafür Sorge tragen sollten, dass die Ärzte um die Existenz einer vorsorglichen Willensbekundung wissen, einschließlich des Ortes, an dem sie hinterlegt oder aufbewahrt wird. Das bloße Wissen um die Existenz einer Patientenverfügung kann nach Einschätzung von Dr. Christ jedoch niemals sicherstellen, dass verlässlich im Interesse eines Patienten gehandelt wird. Das konkrete Dokument muss auch eingesehen werden können, fordert der Mediziner.

M. Christ et al.:
Verfügbarkeit von Patientenverfügungen in einer interdisziplinären Notaufnahme
DMW Medizinische Wochenschrift 2015; 140(22); e231-e236